Eva Ashinze: Der Fall Maria Okeke

Regiokrimis sind, wenn ich das richtig sehe, aktuell im Genre Kriminalroman das, was vor ein paar Jahren noch die Schwedenkrimis waren: ein grosser Verkaufsschlager. Kein Wunder, will nun jede noch so kleine Stadt, jede noch so unwichtige Region ihren eigenen Ermittler vorweisen können. Die Winterthurer Anwältin Moira van der Meer der Winterthurer Autorin Eva Ashinze ist dabei nur das neueste Beispiel, m.W. gab es selbst für Winterthur schon vor ihr (und also zu Zeiten, als ‘Regiokrimi’ noch gar kein Verkaufsargument war) regionale Winterthurer Ermittler.

Der Fall Maria Okeke ist der Erstling der 41-jährigen Ashinze, die ansonsten (wie ihre Protagonistin) in Winterthur als Anwältin arbeitet. ‘Erstling’ – das mag einiges erklären, allerdings nicht entschuldigen. Von einem Regiokrimi erwarte ich als nur sporadischer Leser von Kriminalromanen (oder auch deren Kritiken im Netz) eine starke regionale Verankerung und ein Arsenal von mehr oder minder verschrobenen Protagonisten. Der Fall Maria Okeke spielt zwar in Winterthur, und ich könnte hingehen, und das Gebäude, in dem Moira van der Meer ihr Büro hat, ebenso fotografieren, wie den Bioladen hinter dem Hauptbahnhof, in dem sie einkauft, die Bar vor dem Bahnhof, in der sie sich besäuft etc. Aber diese ‘Verankerung’ wirkt merkwürdig blutleer. Der Leser hat den Eindruck, da hätte jemand, wie seinerzeit bei den Heftchen um G-Man Jerry Cotton, einfach den neuesten Stadtplan in die Finger genommen, um Moira van der Meer zu platzieren. So hält sie sich z.B. in der Nähe des Hotels Wartmann auf – kein Wort von den nun schon eine halbe Ewigkeit andauernden Bauarbeiten, die den Ausbau des Hauptbahnhofs vorbereiten sollen und den rollenden Verkehr zu ständig neuen Umwegen zwingen. Sieht man auf der Karte ja auch nicht…

Verschroben ist van der Meer zwar schon – aber in einem negativen Sinn. Bei ihr feiert der Schwedenkrimi mit seinen kaputten Ermittlertypen fröhliche Urständ. Moira van der Meer ist psychisch traumatisiert durch einen Vater, der früh abgehauen ist und die Mutter und zwei Töchter im Stich gelassen hat; durch die Tatsache, dass auch ihre jüngere Schwester – die, um allem noch eins drauf zu geben, auch Maria hiess! – eines Tages spurlos verschwunden ist und sie nun mit der von ihr als kalt, berechnend und egoistisch empfundenen Mutter alleine ist. Sie ist Kettenraucherin und dem Alkohol mehr als nur zugeneigt: Alleine in den zwei oder drei Wochen, die ihre Ermittlungen im Fall Maria Okeke in Anspruch nehmen, hat sie sich ungefähr jeden dritten Tag ins Koma gesoffen. Nicht, dass ich der Meinung bin, es gäbe keine alkoholkranken Anwältinnen – aber ich muss davon nicht unbedingt lesen. Wenn ich einen Krimi lese, interessiert mich die Auflösung des Mordfalls und nicht die psychische Verfassung der Ermittlerin. Als charismatisch, wie es der Klappentext und die Homepage der Autorin wollen, kann ich solche kaputten Ermittlertypen sowieso nicht empfinden. (Der Erfolg der Schwedenkrimis zeigt, dass andere Leser das offenbar durchaus schätzen.)

Hinzu kommt, dass der Roman in einem für Winterthur marginalen Milieu spielt, nämlich dem der Exilafrikaner, genauer gesagt: -nigerianer. Maria Okeke, das Todesopfer, ist Tochter eines Exilnigerianers und einer Schweizerin, und auch van der Meers Vater ist Nigerianer, der zurück in seine Heimat ging, worauf die Mutter (aus reicher holländischer Familie stammend – aber auch die alte Winterthurer Elite ist kein Thema) ihren Mädchennamen wieder angenommen hat. Allerdings spielt das Milieu dann halt doch wieder keine Rolle. Die Integration der Väter wird gar nie thematisiert, die der Töchter nur dahingehend, dass Moira in der Schule das eine oder andere Mal despektierliche Bemerkungen über ihre etwas dunklere Hautfarbe zu hören bekam. Obwohl Maria Okeke Prostitution zum Vorwurf gemacht wird, erfahren wir auch nichts über das Problem der von Schleppern in die Schweiz gebrachten Frauen aus Nigeria, die hier zur Prostitution gezwungen werden – ausser eben, dass dieses Phänomen existiert.

Auch logisch-inhaltlich rumpelt die Geschichte doch sehr, wie ich finde. So geht Moira van der Meer davon aus, dass der Mörder und sein Opfer via Mobiltelefon miteinander in Kontakt waren, der Mörder aber nach der Tat die Kommunikationsdaten auf dem Gerät gelöscht habe. Unter anderem deshalb kann man ihm die Tat nicht nachweisen und wird er nie dafür belangt werden können. Abgesehen davon, dass es für einen Profi möglich sein sollte, auch gelöschte Daten noch auszulesen: In der Schweiz erhält man mit jeder Mobiltelefonrechnung eine sekundengenaue Auswertung, wann mit welcher Nummer telefoniert wurde, und dasselbe für SMS. (Ashinze spricht explizit von Kommunkation via SMS; ich weiss nicht, ob sie von Whatsapp und andern Nachrichtendiensten schon gehört hat.) Ein Blick auf die letzten Telefonrechnungen der Toten hätte schon viel Information gebracht. Und da heute selbst für Pre-Paid-Mobiltelefonie die Daten des Käufers hinterlegt werden müssen, hätte es wohl keine Schwierigkeiten bereitet, alle Kontakte zu identifizieren. Was wiederum den Mörder in arge Schwulitäten gebracht hätte.

Wenn man dann noch hinzunimmt, dass beim orte Verlag offenbar das Geld für Lektorat und Korrektorat fehlt (nur so kann ich mir erklären, dass die Ich-Erzählerin van der Meer völlig selbstverständlich den Ausdruck In keinster Weise verwendet; dass alle – aber wirklich alle! – von ihren Mobiltelefonen reden, obwohl der Ausdruck in der Schweiz rar ist, weil nämlich immer noch der von der Post zur Zeit ihres Telefonmonopols geprägte und eigentlich geschützte Ausdruck “Handy” verwendet wird; dass offenbar eine auf bundesdeutsche Normen geprägte automatische Silbentrennung verwendet wurde, die die Schweizer Regelung, welche prinzipiell ein ‘ß’ durch ‘ss’ ersetzt, nicht kennt und deshalb Langstrasse in Langs-|trasse trennt – mein Navi ist beim automatischen Vorlesen von Strassennamen im selben Spital krank…), so kann man nur bedauernd feststellen, dass hier gute Ideen schlecht umgesetzt wurden.

Der Roman war spannend genug, dass ich ihn bis zum Schluss gelesen habe. Kurzfutter für eine oder zwei Stunden Wartezeit beim Frisör oder beim Arzt. Mit beinahe CHF 30.00 für keine 200 Seiten Taschenbuch dann allerdings auch nicht billig.

 

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3 Kommentare zu Eva Ashinze: Der Fall Maria Okeke

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  2. Carsten Herrmann sagt:

    „Wenn ich einen Krimi lese, interessiert mich die Auflösung des Mordfalls und nicht die psychische Verfassung der Ermittlerin.“
    Das ist aber so überholt wie ein Kassettenrekorder. Viel Lesezeit habe ich an das Genre nie gewandt, abgesehen von Sherlock Holmes, aber im Fernsehen ist es offensichtlich. Zur Zeit von Kommissar Keller in München konnte man sich davon noch ein Stündchen lang erträglich unterhalten lassen. Inzwischen sind die Szenen einer Ehe, Kindererziehungsprobleme, gegebenenfalls Menstruationsbeschwerden und was nicht noch alles für Befindlichkeiten der ErmittlerInnen so sehr in den Vordergrund des Geschehens gerückt, dass es mir die Sache verleidet hat. Dazu tragen auch die neueren „filmischen Mittel“ bei, also hektische Schnitte, rasende Achterbahnfahrten der Kamera und dergleichen mehr. Alles Errungenschaften von Filmschaffenden, die ihr Handwerk mit Musikvideos sowie Werbespots gelernt haben und dort übliche Mätzchen beibehalten, auch wenn sie dann Längeres drehen dürfen.
    Übrigens, Einwand gegen den ermittlungstechnischen Einwand: Als Privatdetektivin hat die Frau Anwältin doch wohl keinen (legalen) Zugriff auf Handy-Verbindungsdaten anderer Leute.

    • P.H. sagt:

      Kasettenrecorder? Ich habe noch mit Spulentonbandgeräten gearbeitet.
      Den Einwand gegen den ermittlungstechnischen Einwand könnte ich nur beantworten, indem ich die Schlusspointe verrate. Ich denke allerdings, dass ein Hinweis auf eine Diskrepanz zwischen der Anzeige auf dem Mobiltelefon und der Abrechnung der Mobiltelefongesellschaft wohl (ganz sicher zusammen mit den übrigen Beweisen, die van der Meer gesammelt hat) genügen könnte, die bereits abgeschlossenen offiziellen Ermittlungen wieder zu eröffnen.

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