Keith Lowe: Der wilde Kontinent

Keith Lowe dokumentiert in diesem Buch die “wilde”, oft gesetzlose Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der das Leiden für viele Menschen perpetuiert und die auch zur Abrechnung zwischen politischen Fraktionen, Volksgruppen oder Partisanenverbänden genutzt wurde. Dieser Zeitabschnitt ist historisch kaum dokumentiert oder aber man beschränkt sich auf das Positive, den Aufbauwillen, den Wunsch nach Frieden, nach Wohlstand.

Lowe beginnt sein Werk mit den Daten der Zerstörung: Es gab keine funktionierende Infrastruktur, keine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln (in vielen Gegenden Europas standen den Menschen weniger als 1000 kcal pro Tag zur Verfügung), die alliierten Einsatzkräfte waren mit den polizeilichen Aufgaben weitgehend überfordert, sodass Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschten – und neben all diesen materiellen Nöten war auch ein durch sechs Jahre Krieg bewirkter moralischer Verfall zu beobachten: Diebstahl oder Plünderung galt in weiten Teilen Europas als legitimer Broterwerb.

Ein eigenes Kapitel widmet der Autor der Rache in all ihren Facetten: In ganz Europa wurden tatsächliche und vermeintliche Kollaborateure verfolgt und ermordet, Kommunisten nutzten die Gunst der Stunde, um sich an Faschisten zu rächen (oft deshalb, weil sie wenig Vertrauen in die Gerechtigkeit der neu entstehenden staatlichen Strukturen hatten – teilweise durchaus zu Recht), Frauen, die sich mit fremden Soldaten eingelassen hatten, wurden öffentlich gedemütigt, geschoren oder nackt zur Schau gestellt, ehemalige Lagerinsassen rächten sich an ihren Bewachern (Lowe wurde für die Darstellung der “jüdischen” Rache kritisiert: Aber er hat sehr wohl darauf geachtet, den staatlichen Völkermord nicht mit diesen Racheaktionen gleichzusetzen – und wenn ehemalige KZ-Insassen im Wunsch, sich an den Deutschen zu rächen, mordeten oder folterten, so ist diese Tatsache ebenso zu brandmarken wie jedes andere Verbrechen), selbst Kinder wurden von dieser Rache nicht ausgenommen: So kam die norwegische Regierung zum Schluss, dass sich einzig schwachsinnige Frauen mit deutschen Soldaten eingelassen hätten (die deshalb ebenfalls schwachsinnig betrachtet wurden), weshalb auch den aus diesen Beziehungen resultierenden Kindern verminderte geistige Fähigkeiten unterstellt und sie entsprechend behandelt wurden.

Dazu kamen die unzähligen Vertreibungen, unter denen besonders die Deutschen in Osteuropa litten: Über 11 Millionen verloren ihre Heimat, ihr gesamtes Hab und Gut und mussten oft froh sein, wenn sie die zahlreichen Arbeitslager überlebten. Gerade diese Vertreibungen waren lange Zeit ein Tabuthema, die Verbrechen der Deutschen im Krieg schienen diese Behandlung zu legitimieren. Lowe nähert sich dem Thema (als Engländer) überaus neutral und beschreibt unverhohlen die Ungeheuerlichkeiten, die sich im Rahmen dieser ethnischen Säuberungen ereigneten. Aber es waren nicht die einzigen: Polen löschten ganze ukrainische Dörfer aus, ukrainische Faschisten machten dasselbe mit den Polen, einzelne Minderheiten (z. B. die Lemker) wurden vertrieben oder umgesiedelt, die wenigen überlebenden Juden im Osten zur Auswanderung gezwungen.

In vielen Ländern kam es zu bürgerkriegsartigen Zuständen, wobei sich rechts und links unversöhnlich gegenüberstand: Entscheidend aber waren die bereits vor Kriegsende beschlossenen Einflusssphären. So kam es trotz starker rechter Mehrheiten in Ungarn und Rumänien zu linken Diktaturen, in dem einzigen Land, in dem die Kommunisten auf große Unterstützung zählen konnten (Griechenland) hingegen zu einer Rechtsdiktatur unter englischer bzw. amerikanischer Aufsicht. Lowe bemüht sich auch hier um Objektivität und zeigt am Beispiel der Griechen, dass sich auch die westlichen Alliierten verbrecherischer und menschenverachtender Methoden bedienten, um ihren Einflussbereich abzusichern und so nicht viel humaner agierten als die stalinistischen Kader in Osteuropa. Selbst der viel gerühmte Marshall-Plan war weniger von altruistischen Motiven getragen als vielmehr vom Bemühen, all jene, die diese Hilfe annahmen, auf die Seite der Amerikaner zu ziehen.

Gerade der Ost-West-Konflikt dürfte aber weitere bewaffnete Konflikte nach dem Weltkrieg verhindert haben: Die Einflusssphären waren abgesteckt und die jeweiligen Besatzungsmächte achteten – mit welchen Mitteln auch immer – darauf, dass diese Bestand hatten. Denn die neuen Grenzziehungen bargen enormen Sprengstoff: Immerhin hatte man Stalin die noch mit Hitler ausgehandelte neue Grenze in Polen zugestanden und für die Polen die Grenze einfach nach Westen verschoben. Man fühlt sich an die Unsinnigkeiten des Versailler Vertrags ein Vierteljahrhundert davor erinnert: Die 40 Jahre währende Blockbildung aber hat glücklicherweise den status quo in einer Weise verfestigt, das Gebietsansprüche (noch dazu in einem vereinten Europa) nicht mehr erhoben werden. Denn das Beispiel Jugoslawien zeigte, wie wenig vergessen die Schlächtereien und die Ungerechtigkeiten der jeweils anderen Seite auch noch 50 Jahre später waren. Lowe kritisiert denn auch diese Vergessens- bzw. Erinnerungskultur: Vergessen werden die eigenen Verbrechen, erinnert wird in oft pompösen Feiern an das Unrecht, dass einem tatsächlich oder vermeintlich widerfahren ist. So wird die Geschichte auch heute noch instrumentalisiert, um Ressentiments zu schüren, einen kleinen politischen Erfolg zu erzielen. Die Lösung besteht immer nur in einem Miteinander, dem Versuch, die Position des anderen zu verstehen: Dies aber scheint mir (im Gegensatz zu Lowe) ein wenig illusionär. Denn es ist gerade für nationale Gruppierungen überlebensnotwendig, die Gegnerschaft zu kultivieren und das eigene Versagen dem anderen anzulasten (oder – wie in Europa – einer übergeordneten Macht: Es gibt wohl keinen Missstand zwischen dem Schwarzen Meer und Belfast, für den nicht die EU verantwortlich gemacht wurde).

Das Buch ist sehr gut lesbar, krankt aber an einem Wahrhaftigkeitswahn, der sich in einer expliziten Schilderung von Gräueltaten oder Folterungen ergeht. Ich kann nicht erkennen, wozu eine derartige Detailversessenheit gut sein soll, wenn nicht reißerische Motive damit verfolgt werden. Denn der historischen Wahrheit dient sie kaum: Dafür ist es hinreichend, die Folter als solche anzuführen, ihre Grausamkeit zu betonen. Ihre Einzelheiten sind dann doch eher etwas für den Sadisten. Davon abgesehen halte ich das Buch für empfehlenswert, weil Lowe tatsächlich immer um Objektivität bemüht ist. Allerdings reichen die 500 Seiten des Buches nicht für eine wirklich umfassende Darstellung des Nachkriegsgeschehens: So bleiben einige Länder fast unerwähnt (Dänemark, Österreich, auch die faschistischen Diktaturen auf der iberischen Halbinsel), sodass für den Zeithistoriker noch einiges zu tun bleibt. Der “wilde Kontinent” hätte sich ein paar Folgebände verdient.


Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

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