Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern

„Wir haben es mit keinem schicksalhaften Geschehen zu tun. Wenn eine Milliarde Menschen Hunger leiden, liegt es nicht an einer zu geringen Nahrungsproduktion, sondern daran, dass so viele Menschen keinen Zugang zu dieser Nahrung haben.“ Diese Tatsache ist wahrlich ein Skandalon für die Menschheit (bzw. für jenen Teil, der sich für zivilisiert hält), aber es ist mit dieser Feststellung auch die zumindest theoretische Möglichkeit einer Lösung verbunden: Es gibt genug Nahrung, um die derzeit auf dem Planeten lebende Zahl von Menschen zu ernähren (und wahrscheinlich noch ein paar mehr). Und einige von Zieglers Vorschlägen könnten auch ohne allzu große Einschnitte (oder gar Revolutionen, mit denen Ziegler manchmal liebäugelt) durchgeführt werden: Etwa das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmitteln (diese werden im Durchschnitt 50 Mal verkauft, bevor sie den Endverbraucher erreichen – und wohl kaum zum Vorteil desselben), die radikale Einschränkung der Herstellung von Biotreibstoffen oder gesetzliche Maßnahmen gegen das allgegenwärtige „land-grabbing“.

Aber schon dieser letzte Punkt zeigt die ganze Komplexität des Problems: Denn es sind nicht bloß die westlichen Staaten, die sich billiges Land in Entwicklungsländern aneignen, sondern ebenso die Golfstaaten, China, Südkorea oder Singapur. Womit eine weltweite Koalition gegen ein solches Vorgehen geschmiedet werden müsste, eine Koalition, die aber völlig unrealistisch ist und auch bei sehr viel einfacheren Problemlagen bloßes Wunschdenken bleibt. Dazu kommen die unzähligen korrupten Staatsoberhäupter in den betreffenden Ländern, die nur auf ihren eigenen Vorteil (oder den ihrer Gruppe) bedacht sind. Kann oder soll man westlichen Regierungen bzw. deren Unternehmen verbieten, sich mit diesen Despoten einzulassen bzw. würde man damit etwas zum Besseren wenden? Wahrscheinlich ist in diesem ganzen Bereich nur eine Politik der kleinen Schritte möglich, ein Verpflichten westlicher Unternehmen auf entsprechende Mindeststandards, wozu es allerdings einer Politik bedürfte, die den Willen hat, diese Standards auch durchzusetzen. Was bei dem Einfluss vieler Lobbygruppen auf die Regierungen eher fragwürdig erscheint.

Eine Grundvoraussetzung für die Änderung der Politik besteht in großen Machtblöcken (wie der EU), die aufgrund ihres wirtschaftlichen Einflusses die entsprechenden Maßnahmen auch durchsetzen können. Dass dafür allerdings zuvor die kleinlichen Egoismen innerhalb dieser EU abgebaut werden müssten, ist selbstverständlich – und die Realität zeigt, wie weit man von einer solchen Einheitlichkeit, Solidarität noch entfernt ist. Hingegen wäre eine einige EU (etwa in der Steuergesetzgebung oder auf dem Finanzsektor) durchaus in der Lage, auf andere Länder Druck auszuüben, um die eigenen Standards durchzusetzen (wären alle Mitgliedsländer bereit, sämtliche Steuerschlupflöcher zu stopfen und nicht auf ihren eigenen, kleinen Vorteil bedacht (wie Irland, Österreich oder Luxemburg, wobei auch andere Länder spezielle „Deals“ mit Großunternehmen abschließen)), könnte man auch Länder wie die Schweiz zu einem ähnliche Vorgehen zwingen. Aber von einem solchen Gemeinschaftsdenken ist wenig zu erkennen, weshalb es vorläufig auch wenig Hoffnung für die wirtschaftlich abhängige Dritte Welt gibt. Vorläufig: Denn im Grunde glaube ich an eine sukzessive Verbesserung dieser Umstände, an eine Zukunft, die menschlicher ist und dem Gedankengut des Humanismus größeren Raum gibt. Warum? Weil zumindest in Teilen Europas es eine Entwicklung in diese Richtung gibt, weil heute Dinge selbstverständlich sind (etwa in Bezug auf Frauen-, Kinder oder Schwulenrechte), die man vor 50 Jahren noch für utopisch gehalten hat. Weil ich heute ein humaneres, zivilisierteres Miteinander erlebe als in meiner eigenen Kindheit und Jugend.

Zieglers Buch ist sicherlich engagiert, es mangelt aber über weite Strecken an einer strukturierten, übersichtlichen Darstellung (so werden persönliche Erlebnisse geschildert, dann wieder der hierarchische Aufbau von UN-Organisationen verbunden mit Exkursen über einzelne Länder), wodurch das Ganze zu einer etwas wirren Polemik gegenüber den Mächtigen der Welt (Weltbank, Währungsfonds, multinationale Konzerne, diverse Regierungen) wird. Amüsant bzw. zu belächeln sind die Ausflüge in marxistisch angehauchte Entwürfe: So werden Bloch, Marcuse oder Horkheimer gelobt, obschon deren kommunistische Utopien von beachtlicher Weltfremdheit zeugen. Denn sie machen es sich leicht – wie fast alle Utopisten: Man entwirft den idealen Staat und schafft sich den entsprechenden Menschen dazu. Leider haben wir aber diesen idealen Menschen nicht zur Verfügung und müssen mit dem vorlieb nehmen, der sich da auf unserem Planeten herumtreibt. Der weder so schlecht ist noch ein altruistischer Engel: Weshalb es den Auswüchsen Einhalt zu gebieten gilt, ohne ihm seine Entfaltungsmöglichkeiten zu nehmen.* Diese linken Träumereien seien Ziegler aber nachgesehen: Ich schätze an ihm das Engagement, die Hingabe an die Sache, wenngleich sein Blick vielleicht gerade durch diese idealen Utopien manchmal getrübt erscheint.

*) Insofern bin ich auch ein Verfechter des kapitalistischen Systems – in Maßen: Denn es veranlasst den Menschen zur Aktivität, macht ihn kreativ, neugierig, auch wenn hinter all dem – u. a. – egoistische Motive verborgen sind. Diesen Egoismus gilt es zu beschränken, seine negativen Auswirkungen zu neutralisieren. Aber ihn zu negieren, ihn per Beschluss abzuschaffen und auf dieser Grundlage eine politische Theorie aufzubauen ist schlicht und einfach Unsinn: Wir müssen uns dieses Egoismus‘ bedienen (denn er hat auch nützliche Aspekte) und seine Auswüchse nach Möglichkeit hintan halten.


Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. München: Bertelsmann 2012.

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