Die Entführung aus dem Serail

Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart (Musik) und Johann Gottlieb Stephanie d. J. (Text). Inszenierung von David Hermann am Opernhaus Zürich vom 11. November 2016.

Mitwirkende:
Bassa Selim: Sam Louwick
Konstanze: Olga Peretyatko
Blonde: Claire de Sévigné
Belmonte: Pavol Breslik
Pedrillo: Michael Laurenz
Osmin: Nahuel Di Pierro
Janitscharen: Katarzyna Rzymska, Bettina Siegfried, William Lombardi, Michael Schwendinger
Orchestra La Scintilla
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Musikalische Leitung:
Maxim Emelynachev

Nach langer Zeit wollten wir wieder einmal „in die Oper“. Die ganze Woche hatte ich kaum gegessen, damit ich am 11. November wieder in meinen Smoking passte. Die Karten hatten wir seinzerzeit recht spontan gekauft. Was ich beim Kauf nicht beachtet hatte, war, dass es sich bei der diesjährigen Aufführung am Opernhaus Zürich um eine jener handelte, bei denen der Regisseur den Autor / Komponisten in die Gegenwart transponiert, indem er ihn interpretiert:

Mit dem Verlust Konstanzes beginnt für Belmonte nicht nur die Suche nach der Geliebten, sondern zugleich eine Reise zu sich selbst, zu den eigenen Ängsten und seelischen Abgründen. Im Serail gefangen zu sein wird für Belmonte ebenso wie für Konstanze zur Chiffre dafür, der eigenen Zerrissenheit, den eigenen Albträumen ausgeliefert zu sein. In emotionalen Grenzsituationen erfahren die Figuren, wie fragil ihre Beziehungen zueinander sind. David Hermann wird in seiner Inszenierung diesen verborgenen Schichten nachspüren; […]. (von der Internet-Seite des Opernhauses)

Das Bühnenbild bildete die Gegenwart ab: ein Art Restaurant als allgemeiner Begegnungsort, ein Schlafzimmer im Stil billiger Hotelzimmer aus den 1960ern, dazwischen öffnete die Drehbühne Labyrinthe, die wohl die Zerrissenheit symbolisieren sollten. Des weiteren waren Strassenanzüge bzw. Kleider für die Damen die äusseren Zeichen der Transponierung. Sprechtext wurde ganz weggelassen – was es nicht nur unmöglich machte, der Handlung zu folgen, wenn man sie nicht schon kannte, sondern was auch aus der Sprechrolle des Osmin eine stumme Rolle machte. Zusätzlich waren Belmonte und Pedrillo, Konstanze und Blonde vom Typ her sehr ähnlich gecastet worden, wurden auch in jeweils gleiche Kostüme gesteckt, womit der für die Mozart’sche Zeit übliche Herr-Diener-Schabernack komplett wegfallen musste. Vieles der Zerrissenheit wurde über diesen Sosias-Trick, der im Original fehlt, abgehandelt. Zerrissenheit und Sosias-Motiv – da hat David Hermann wohl zu viel Kleist gelesen. Über Sinn oder Unsinn solcher interpretierenden Inszenierungen ist schon viel geredet und geschrieben worden; ich für meinen Teil mag die lieber, die mir als Rezipienten mein Urteil nicht schon vorschreiben.

Zum Glück war mit Maxim Emelynachev ein ausgezeichneter, wenn auch noch junger Dirigent am Werk. Zum Glück auch waren die Sänger als Sänger durchaus auf der Höhe ihrer Aufgaben, allen voran Olga Peretyatko und Nahuel Di Pierro. Diese drei heimsten denn auch zu Recht den grössten Schlussapplaus ein. Zum Glück also entschädigte die Musik – und nun gar Mozarts Musik! – für all den Schabernack der Inszenierung. Aber das nächste Mal werde ich die Homepage des Opernhauses doch genauer studieren, bevor ich Karten bestelle.

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