Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Der Autor ist – wie mich der Klappentext belehrt – Spezialist für Universalgeschichte (ein wenig war ich ob dieser Beschreibung verwundert: Eine Spezialist für alles – eine contradictio in adiecto oder bloß eine sprachliche Besonderheit der Marketingexperten?). Das wäre weiter nicht erwähnenswert, wenn sich darin nicht die Problematik dieses Buches verbergen würde.

Harari wandelt auf den Spuren Bill Brysons, der eine Geschichte mit ähnlichem Titel verfasst hat. Während aber Bryson sich auf eine weitgehend referierende Darstellung beschränkt, liefert Harari neben diesen Fakten eine philosophische Interpretation des Geschehens frei Haus – und begibt sich damit in einen Bereich, in dem er nicht immer ganz sattelfest wirkt. Der Anfang des Werkes macht noch einen ganz passablen Eindruck: Die Entstehung des Menschen, die langsame Entwicklung von den ersten Homo-Formen bis zum Sapiens nebst diversen Vermutungen, weshalb der Mensch vor etwa 70 000 Jahren einen derartigen Sprung vollziehen konnte. Das Störende an diesen Passagen ist der Indikativ dieser Vermutungen: Harari gibt Dinge zu wissen vor (etwa von der kognitiven Evolution), die einer wissenschaftlichen Bestätigung bislang entbehren. Trotzdem liest sich dieser Teil gut und flüssig (wenn auch seine bemüht wirkende Ironie mich auf die Dauer ein wenig genervt hat).

Problematischer wird es im Mittelteil, wenn er sich mit Themen wie dem „Ziel der Geschichte“, der „wissenschaftlichen Revolution“ oder den Religionen auseinandersetzt. Hier ist der Spezialist für Universalgeschichte überfordert, er vereinfacht auf unzulängliche Weise und wird damit der Komplexität der Themen nicht gerecht. Indem er alles und jedes zu erklären versucht (und das auf 500 Seiten), bleibt er fast überall an der Oberfläche oder aber präsentiert ein Wissen, das diese Bezeichnung kaum verdient. Beispielhaft jene Kapitel, in denen er über Religionen, Ideologien, Weltanschauungen schreibt: Zwischen Ideologie und Religion wird nicht unterschieden (der Hinweis, das im Kommunismus Marxscher Prägung eschatologische Vorstellungen enthalten sind, reicht noch nicht für deren Gleichsetzung), dann rekurriert er auf den Gottesbegriff der Philosophie und unterstellt, dass alle hellenistischen Strömungen den gleichen Gottesbegriff für sich in Anspruch genommen hätten, setzt schließlich den liberalen Humanismus mit einem rigiden Individualismus (Spencerscher Prägung) gleich, um zur Feststellung zu gelangen, dass es für die Aufrechterhaltung der Ordnung in einer Gesellschaft immer einer „unwissenschaftlichen“ Theorie bedürfe (seine eigene Vorstellung von Wissenschaft bleibt dabei allerdings verborgen).

Dieser philosophisch-ideologische Schnelldurchlauf mag imponierend wirken, ist aber dann doch nicht viel mehr als recht banaler Überblick über die Geistesgeschichte, den Harari mit seiner eigenen Theorie des „geschichtenerzählenden“ Sapiens kombiniert: Die Erkenntnis, dass wir uns in unserem Zusammenleben auf materiell nicht fassbare Konventionen berufen (womit er alles in einen willkürlich-fiktiven Status erhebt), wird ein ums andere Mal dem Leser präsentiert (im Wunsch, auf die Relativität unserer Ordnung hinzuweisen). Nun ist das zum einen keine großartige Erkenntnis, sondern eher eine Trivialität und differenziert in der vereinfachenden Sichtweise des Autors nicht zwischen Mythen, Gesetzen oder „juristischen Personen“, die alle als Beispiel für das Fiktive in der Gesellschaft dienen müssen. Und es ist als allumfassende Erklärung fragwürdig, die reine Erkenntnis des „Überbaus“ scheint als philosophische Essenz ein wenig dürftig. Gegen Ende des Buches verfällt der Autor dann immer mehr in die Manier eines Lebensratgebers mit pseudo-wissenschaftlichen Anspruch – so wenn er über das Glück philosophiert, das Zusammenleben oder die Zukunft der Menschheit.

Wobei – so schlecht ist das dann alles auch wieder nicht (sonst hätte ich das Buch nicht bis zum Ende durchgehalten): Aber Harari findet einfach nicht das rechte Maß für seine Darstellung. Entweder müsste er ein vielbändiges Werk verfassen (die Bandanzahl von Universalhistorikern der alten Schule ist meist zweistellig) oder aber sich auf einige wenige Bereiche beschränken, die er dann mit der nötigen Sorgfalt behandelt. Andererseits hat ihn sein Prinzip, dass man auch auf 500 Seiten die gesamte Geistesgeschichte der Menschheit unterzubringen vermag, einen nicht unerheblichen Verkaufserfolg beschert: Er war monatelang auf der Bestsellerliste. Was ihm mit einem anpruchsvolleren Werk wohl kaum gelungen wäre.


Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: Deutsche Verlagsanstalt 2013.

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