Daniel C. Dennett: Süße Träume

Dieses Buch versammelt diverse Aufsätze zum Thema Geist und Bewusstsein, die Dennett – häufig in Auseinandersetzung mit anderen Philosophen – bis etwa 2004 verfasst hat. Und sie repräsentieren somit seine teilweise überarbeitete Version des Funktionalismus und Anti-Dualismus, die er schon in früheren Büchern entwickelt hat. Insofern ist es von Nutzen, wenn man das Denken Dennetts ein wenig kennt, zum anderen überschneiden sich Beiträge teilweise, was aber nicht unbedingt ein Nachteil sein muss: Man wird mit seiner Theorie des Geistes aus verschiedenen Blickwinkeln konfrontiert.

Was man auch immer über Dennett sagen mag: Er ist ein kluger, brillianter Denker und zudem ein sprachlich äußerst versierter Autor, dessen Polemiken ich mit großem Vergnügen lese. (Das liegt wohl auch daran, dass ich den Ansichten Dennetts in fast allen Belangen zustimme.) Der Unterschied zu anderen Philosophen “des Geistes” besteht darin, dass sich Dennett um eine klare, einfache Terminologie bemüht, dass nirgendwo mit ungreifbaren, sich der Definition und der Empirie entziehenden Entitäten hantiert wird und man von typischem Philosophengeschwätz verschont wird. Dennett propagiert die Heterophänomenologie, eine Vorgehensweise, die das Phänomen des Bewusstseins durch die Analyse Dritter zu erfassen sucht und auf Begriffe wie “Qualia” oder “phänomenologische Subjektivität”, die – angeblich – einer solche Analyse nicht zugängig seien, verzichtet. Es gibt nach Dennett nichts Über-Sinnliches, rein Subjektives, das einem Außenstehenden vom Subjekt nicht mitgeteilt werden kann. Das betrifft dann auch das sogenannte Unbewusste: Entweder es gerät dann doch irgendwie ins Bewusstsein (und wird damit intersubjektiv vermittelbar) oder aber es ist auch dem Subjekt selbst unbekannt, weshalb dieses keinen irgendwie privilegierten Zugang zu diesem Unbewusstsein haben kann. Allerdings können diese Zustände sehr wohl heterophänomenologisch erfasst werden: So werden Daten über verschiedene Gehirnscans ermittelt und können – je nach betroffener Gehirnregion, nach Intensität etc. – interpretiert werden. Keinesfalls aber kann sich das Subjekt auf intrinsische Besonderheiten berufen: Das Bewusste kann (mehr oder weniger deutlich) mitgeteilt werden, das dem Subjekt nicht Fühlbare bleibt auch ihm selbst verborgen.

Dennett betrachet das Gehirn als ein rein funktionalistisches Gebilde: Unser Bewusstsein sind diese Funktionen, es gibt kein dahinterstehendes Ich oder gar einen großen Organisatior, der irgendwo in einer Chefetage sitzend den Betrieb steuert. Das Gefühl des Selbst resultiert aus den mannigfaltigen Funktionen, die das Gehirn ausübt, der Input wird verarbeitet und erlangt – je nach Wichtigkeit (oder auch Zufälligkeit) – eine bestimmte Bedeutung (“Ruhm” in den Worten Dennetts). Manches davon wird “uns bewusst”, anderes bleibt im Hintergrund, wobei das Gehirn sich teilweise selbst konditioniert: Bekannte Reize, die schon öfter die Bewusstseinsschwelle überschritten haben, werden dies in Zukunft leichter können, während manches (möglicherweise auch Wichtiges) auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Für diese gesamten Funktionen ist die Reduktionsanalyse Dennetts von Bedeutung: Er geht von den einzelnen Zellen aus (und nichts anderes finden wir auch in unserem Kopf vor), stellt fest, dass diese Zellen für sich selbst genommen keinerlei Bewusstsein aufweisen (das trifft auf die einzelne Gehirnzelle ebenso zu wie auf jede andere Körperzelle), sodass nur die Feststellung bleibt, dass das Zusammenspiel von Milliarden Zellen (die für sich genommen primitive Roboter sind und nur mit der Weiterleitung elektrischer oder chemischer Zustände beschäftigt sind) offensichtlich das erzeugt, was wir Geist nennen. Wobei dieser Geist eben nichts anderes ist als die Summe dieser Funktionen und man nicht auf irgendetwas “hinter” diesen Vorgängen rekurrieren kann: Am Bewusstsein, am Ich ist nichts Besonderes, es gibt kein Bewusstsein “höherer Ordnung” (müsste es dann nicht auch eines “niedrigerer Ordnung” geben und wodurch würde sich dieses unterscheiden?), sondern nur den – zugegebenermaßen höchst komplizierten, deshalb aber keineswegs “wunderbaren” – Funktionalismus. Wir sind ganz einfach das, als das wir uns auch empfinden, fühlen – und es gibt kein extravagantes “Dahinter”, das irgendwie von der Materie abgekoppelt unser Sein bestimmten würde. Demonstriert wird das auch am sogenannten “Zombie-Problem”, das immer wieder in der Literatur auftaucht: Ein Zombie ist dabei ein Mensch wie du und ich, nur dass ihm eine spezielle Innenperspektive fehle. Indem Dennett das Innenleben eines solchen vorgestellten Zombies analysiert wird klar, dass er sich schließlich und endlich in keiner Weise von einem Nicht-Zombie unterscheidet und auch nicht unterscheiden lässt (auch der Zombie selbst könnte das nicht). Denn wenn er auf bestimmte Umweltreize reagiert, mit der Welt in Kontakt tritt, so tut er das in der gleichen “roboterhaften” Weise, wie auch wir dies tun: Reize lösen elektrische und chemische Impulse und daran anschließend ein bestimmtes Verhalten aus – und genau das ist es, was in seiner ganze Vielfältigkeit das Bewusstsein ausmacht.

Dennetts Bücher sind – wie erwähnt – großartig geschrieben und zeugen von einem messerscharften Geist. Und er setzt sich in wohltuender Weise über philosophische Gepflogenheiten hinweg, indem er etablierte Begriffe (wie die “Qualia”) ihres Nimbus’ entkleidet und dessen Entbehrlichkeit demonstriert: Wobei es sich nicht nur um die Nutzlosigkeit an sich handelt, sondern um konstruierte und verschwommene Begrifflichkeiten, die den Blick auf das Problem verstellen. Die argumentative Klarheit und Logik der Dennettschen Ausführungen sollten sogar für erklärte Gegner seiner Ansichten anregend sein: Vor allem aber sind sie für die Philosophie eine Wohltat, die nur selten ihre Probleme so konzis und verständlich formuliert.

Daniel C. Dennett: Süße Träume. Die Erforschung des Bewußtseins und der Schlaf der Philosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007.

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