Jeremy Rifkin: Die empathische Zivlisation (abgebrochen)

Das ist schon ein ziemlich dubioses Machwerk, dass Rifkin, ein Berater der EU als auch der US-Regierung und Vorsitzender eines Thinktank, hier abliefert: Er verquickt die unterschiedlichsten Begriffe und Theorien, um seinem Entwurf einer zukünftigen, auf Empathie fußenden Zivilisation, Ausdruck zu verleihen. Dabei setzt er sich nicht nur über Begriffskonventionen hinweg, sondern bedient sich auch der Sekundärliteratur auf einer sehr selektiven Weise: Zitiert wird nur das, was auch in den Kram (und also Rifkins Theorie passt), Zusammenhänge werden ignoriert, oftmals betreibt er bloßes Name-Dropping.

Schon das gesamte erste Kapitel, das „einen verborgenen Widerspruch in der Geschichte der Menschheit“ zutage zu fördern vorgibt, ist an Seltsamkeit kaum zu überbieten: Rifkin konstatiert diesen Widerspruch in einer steigenden Empathie, die durch den Raubbau an den Resourcen bedingt ist. Die zunehmende Entropie auf der Erde sei der Preis, den wir für die Empathie zahlen müssen. Unsere Weltbilder wären immer wieder durch die Entdeckung neuer Energiereserven (Dampfkraft, fossile Brennstoffe etc.) geprägt worden, da aber nun dadurch die Entropie zunimmt, ist einer solchen Ausnützung eine enge Grenze gesetzt, die auch die Sonne nicht kompensieren könne, da sie zur Materieerschaffung nicht in der Lage sei. (Sollte diese meine Darstellung verwirrend wirken: Dies liegt diesmal weniger an mir als an den vorgestellten Gedanken.) Abgesehen von der post-einsteinschen Trennung von Materie und Energie scheint Rifkin überhaupt nicht zu verstehen, dass die Erde kein abgeschlossenes System ist, dem schon allein deshalb die Gesetze der Thermodynamik den Garaus machen. Die „Verluste an der entropischen Front“ sind daher von der Effizienz abhängig, mit der wir die von der Sonne gelieferte Energie zu nutzen wissen und unsere Möglichkeiten sind einzig von diesen unseren Fähigkeiten beschränkt. Rifkin hingegen verwechselt des öfteren Energie und Entropie und schließt deshalb, dass neue Techniken per se zum Scheitern verurteilt seien, weil sie die Entropie erhöhen würden (auf die Erde treffen pro Sekunde etwa 175 Billionen Kilowatt an Energie: Das scheint denn doch noch Kapazitäten für die Zukunft bereit zu stellen, denn diese Energie wird mitnichten – wie Rifkin bei anderen Energieformen feststellt – den zukünftigen Generationen fehlen). Dieser hanebüchene Unsinn stellt die Grundlage für eine Art von Technik- und Konsumfeindlichkeit dar, der Mensch würde schon jetzt auf die steigende Entropie mit Krankheit und Verfall reagieren.

Nach diesem Kapitel habe ich erwogen, die Lektüre abzubrechen (was denn auch verständlich wäre), hatte aber die Hoffnung auf ein wenig mehr Gedankentiefe noch nicht aufgegeben. In Kapitel zwei stürzt sich Rifkin auf Freud und dessen Todes- und Zerstörungstrieb: Dieses Postulat muss – nach Rifkin – schon deshalb falsch sein, weil ein solcher Trieb den Gesetzen der Thermodynamik widersprechen würde. (Das hätte sich selbst Freud nicht träumen lassen, dass seine Triebtheorie einst von der Physik widerlegt wird.) Dann werden verschiedenen Ansichten Freuds kritisiert (wobei man prinzipiell bei mir mit solch einer Kritik offene Türen einrennt: Allerdings verfährt Rifkin hier äußerst selektiv und montiert die Freudzitate in einer Weise, dass sie einzig seine eigene Weltsicht stützen). Außerdem ist die Betonung des Individuums in der Moderne grundfalsch: Denn schon für ein Kind ist die Beziehung zu seiner Mutter von enormer Wichtigkeit (solche Argumentationen sind en masse in diesem Buch zu finden: Man weiß nicht recht, wie eines sich zum anderen findet, alles aber stützt in irgendeiner Form Rifkins Ansichten. Und wenn ihm die Aufklärung und ihre Gedanken von Freiheit und Individualität zuwider sind, ist die Sehnsucht des Babys nach Mama hinreichend als Beweis für die Unsinnigkeit der Gedanken einer ganzen Epoche.)

Ich habe bis zum fünften Kapitel durchgehalten. Alle Dinge, die in einem wirklich wissenschaftlichen Buch verpönt sind, werden hier hochgehalten: Man zitiert (meist zusammenhanglos) große Denker, die dann als Beleg für die Richtigkeit der eigenen Ansichten verwendet werden, ebenso verfährt er mit Experimenten oder anderer Literatur. Dass Rifkin in diesem Sammelsurium nicht ständig Unrecht hat (so sind seine Ausführungen zum „Ich“ bzw. zum „Geist“, die er von Damasio und Lakoff entlehnt, durchaus vernünftig), ist aber dem Zufallsprinzip geschuldet: Er bedient sich überall dort, wo er – zu Recht oder Unrecht – eine Unterstützung für seine Thesen vermutet. Endgültig aufgebraucht war meine Geduld schließlich bei seiner Neukonzeption von Wahrheit (die er – manchmal – mit Wirklichkeit gleichsetzt). Zuerst wird Wirklichkeit neu definiert: „Das Maß unserer empathischen Teilnahme bestimmt das Maß, in dem wir die Wirklichkeit begreifen.“ Dann erfährt der Leser, dass wir „die Wirklichkeit durch den Prozess des Partizipierens mit anderen erschaffen – und die Wahrheiten sind nichts anderes als die Systematisierungen unserer Erfahrungen“. Dass die Kategorienbildung oder die Abstraktion „Wahrheit“ bedeutet, kommt einigermaßen überraschend. Aber unser Autor schließt weiter messerscharf: „Wahrheit ist die Erklärung der Erfahrung, die wir miteinander teilen.“ Nein, die Erklärungen können als Aussagen über die Welt wahr oder falsch sein, aber „die Erklärung der Erfahrung“ ist mitnichten eine Wahrheit. Das aber braucht Rifkin für sein Empathieprinzip: Wahrheit ist das Gefühl der Übereinstimmung mit anderen. Dass wahr nur Aussagen, Propositionen, Urteile sein können, ficht Rifkin nicht an – und wenn es in der Philosophie auch große Differenzen bezüglich des Begriffes der Wahrheit gibt: Dass der Autor hier unglaublichen Unsinn verbreitet (der dann im Grunde weder wahr noch falsch, sondern einfach nur sinnlos ist) scheint konsensfähig.

So jemand ist Vorsitzender eines „Thinktanks“, ist Universitätsprofessor und einflussreicher Berater. Das spricht bestenfalls für die Toleranz der offenen Gesellschaft, ist aber vielleicht auch das Signum einer Zeit, in der höchst seltsame Personen in verantwortungsvolle Positionen gewählt werden. Jedenfalls habe ich schon lange keinen derartigen Unsinn mehr gelesen – unsinnig auch dort, wo Rifkin auf kluge Theorien zurückgreift: Da er sie bloß für seine obskuren Ansichten instrumentalisiert.


Jeremy Rifkin: Die empathische Zivlisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Frankfurt a. M., New York: Campus 2010.

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