Amartya Sen: Die Identitätsfalle

Amartya Sen tritt mit diesem Buch der simplifizierten Weltsicht eines Samuel P. Huntington entgegen, der mit seinem „Kampf der Kulturen“ eine höchst einseitige Auffassung von Kultur vertritt und damit den Antagonismus zwischen den – von ihm weitgehend religiös bestimmten – Zivilisationen festschreibt. Sen hält diese Position – zu Recht – für eine Vereinfachung, die weder in der Gegenwart noch in historischer Hinsicht etwas mit der Realität zu tun hat.

Wir besitzen multiple Identitäten (sind Frau, Mann, Literaturliebhaber, Fußballfan, Liberaler, Kommunist, Fischer oder Briefmarkensammler) und es ist unzulässig, uns auf eine einzige dieser Identitäten zu verkürzen. Solche Identitäten sind auch nur teilweise identitätsstiftend (die Schuhgröße oder die Haarfarbe sind es zumeist nicht – die Hautfarbe kann hingegen ein entscheidendes Merkmal sein), sie sind – auch wenn sie durch die Gesellschaft stark beeinflusst werden, häufig frei wählbar. Und gerade diese Freiheit der Wahl bestimmt auch die Wichtigkeit, die wir einem ausgewählten Merkmal unserer selbst zuerkennen: Wir sind mitnichten verpflichtet, etwa unserer religiösen Einstellung einen sehr viel größeren Wert beizumessen als unserer politischen Gesinnung. Das Bewusstsein der Freiheit der Wahl sollte uns nach Möglichkeit davor bewahren, jenen Demagogen zu folgen, die unter Berufung auf die eine Religion (die eine Klassen- oder Rassenzugehörigkeit etc.) ihren eigenen Vorteil suchen und Menschen für diese ihre Ziele instrumentalisieren.

Die Freiheit der Wahl ist für Sen auch in Bezug auf die multikulturelle Gesellschaft von Bedeutung: Multikulturalität bedeutet mitnichten ein nebeneinander Existieren verschiedener Kulturen (vom Autor als ein pluraler Mono-Kulturalismus bezeichnet), sondern einerseits die Vermischung von kulturellen Haltungen, andererseits (und vor allem) eine freie Wahl der Kultur (diesem Freiheitsgedanken widerspricht es z. B., einem muslimischen Mädchen den Umgang mit von ihr gewählten Personen zu verbieten, hier müsse die Toleranz gegenüber der Kultur dem individuellen Entscheidungsrecht über die eigene Person untergeordnet werden: Denn eine solche Toleranz wäre intolerant). In diesem Zusammenhang sieht er auch das Problem der religiösen Erziehung sehr kritisch: Durch eine solche frühe Hinführung zu einem bestimmten Glauben werden die Wahlmöglichkeiten weitgehend eingeschränkt. Ebenso sieht er die Antiglobalisierungsbewegung (in ihrer radikalen Ausprägung) skeptisch: Handel trägt (wie schon bei Hume nachzulesen) immer zu einem Miteinander bei, ist zumeist ein Positivsummenspiel. Dass die Globalisierung eine Art Neoimperialismus und Ungerechtigkeiten im Gefolge hat, spricht nicht gegen die Globalisierung an sich, sondern gegen ihre neoliberalen Auswüchse, die durch entsprechende Vereinbarungen bekämpft werden sollten (die Öffnung der Märkte der Industriestaaten für Entwicklungsländer, neue Patentrechtsregelungen, Ächtung des Waffenhandels etc.).

Wie an den letzen Sätzen zu erkennen ist, verliert sich das Buch ein wenig in Allerweltsansichten: Mehr Gerechtigkeit und weniger Krieg klingt – so richtig dies auch sein mag – ein bisschen nach Sonntagspredigt. Selbstverständlich kann man den Aufruf zu mehr individuellen Freiheitsrechten unterschreiben und es ist richtig, dass eine Gesellschaft zwar das Verhalten des Einzelnen mehr oder weniger stark beeinflusst, es aber nicht determiniert. Und ebenso hat Sen darin Recht, dümmliche Simplifizierer wie Huntingten anzugreifen bzw. all jene, die, manchmal unter dem Mäntelchen der Toleranz und Multikulturalität versteckt, die Einseitigkeit einer etwa rein religiösen Betrachtungsweise stützen: Indem sie die „gemäßigten Kräfte“ in die Politik einzubinden versuchen, damit aber die Festlegung auf die religiöse Determiniertheit noch einmal bestätigen. Und auch eine stärker rationale Behandlung verschiedenster Probleme ist wünschenswert: Sen fordert diese gerade in Bezug auf die Religion immer wieder ein. Das aber sind fromme Wünsche und ist entsprechend realitätsfremd: Religion und Rationalität sind Widersprüche, es gibt keinen irgendwie gearteten intellektuellen Zugang zum Glauben an das Wiedererscheinen eines galiläischen Zimmermanns (und die dogmatischen Verpflichtungen anderer Religionen sind nicht weniger eine Zumutung für die Vernunft). Und so verkommt das Buch ein bisschen zu einem netten, kleinen Weltverbesserungstraktat, dem man zwar weitgehend zustimmen kann (und das mit dem Gedanken der pluralen Identität einen interessanten Ansatz bietet), das aber zu oft von bloßem Wunschdenken geprägt ist und dementsprechend realitätsfremd wirkt.


Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. München: Beck 2007.

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