Ulrich Schmid: Technologien der Seele

Schmid analysiert den – vor allem seit der Krimannexion – neuen Traum vom russischen Imperium anhand der künstlerischen Aktivitäten in den unterschiedlichsten Medien (bis hin zum Computerspiel) und zeigt die sich mehr und mehr verstärkenden Versuche einer Gleichschaltung der öffentlichen Meinung. Und Putin trifft in diesem seinem Großmachtstreben offenbar den Nerv des russischen Bürgers, der über den Verlust seines Weltmachtstatus noch nicht hinweggekommen ist.

Sehr viel der propagandistischen Anstrengungen wurden mutatis mutandis von der alten Sowjetrepublik übernommen und in ein nationalistisches Mäntelchen gesteckt: Etwa der politische Antagonismus zum Westen oder aber auch die Sichtweise eines sich selbst zuerstörenden, dekadenten Wirtschaftsliberalismus, der von einem neuen System russischer Prägung (worin das genau besteht bleibt unklar, während man in diesem Zusammenhang früher von der allseligmachenden Diktatur des Proletariats gesprochen hat) abgelöst werden soll. Der Grund für diese Stärke liegt in einer Art Unverfälschtheit des russischen Menschen, der dem verweichlichten westlichen Bildungsbürger überlegen ist und ihn deshalb in seiner Führungsfunktion ablösen wird. Dass dies noch nicht geschehen ist liegt einzig an der gebündelten Kraft des von den USA angeführten westlichen Bündnisses, die die Zersetzung der wahren, aufrichtigen russischen Seele durch wirtschaftsliberale Konsumideale sich vorgenommen hat oder auch zu politischen Boykottmaßnahmen greift, wenn man sich Teile der geheiligten russischen Erde zurückholt. (Nichts Neues unter dem nationalistischen Himmel: Vom urtümlichen russichen Menschen zur arischen Herrenrasse, von der Unterwanderung durch Konsumdenken und einem dekadenten Wirtschaftsliberalismus zur jüdischen Weltverschwörung ist es kein weiter Weg.)

Was sich anfangs sehr gut und eingängig liest (Schmid untersucht die Funktion der “Wahrheit” in totalitären Systemen und insbesondere den durch das Sowjetsystem geprägten Zugang Russlands), verkommt allerdings mit Fortdauer des Buches zu einer wenig erquicklichen Aufzählung der verschiedensten kulturellen Aktivitäten, die sich für oder gegen das herrschende Regime stellen, ohne dass deren tatsächliche Relevanz und Einfluss genauer dargestellt werden. Schmid erzählt seitenlang den Inhalt belletristischer Werke (es ist die schiere Menge, die dabei ermüdet), während man mit einigen wenigen für das nationalistische Genre typische Beispielen das Auslangen gefunden hätte. Zudem wird nie wirklich klar, wie populär diese Werke wirklich sind und inwieweit sie die öffentliche Meinung zu beeinflussen imstande sind. Außerdem wird über diesen Aufzählungen von Film-, Buch- und Videospielinhalten* versäumt, die staatlichen Unterstützungs- und Strafmaßnahmen – je nach Ausrichtung der ins Auge gefassten Werke – eingehender darzustellen: Auf Zahlenmaterial wird nur in Fußnoten hingewiesen, im Buch selbst fehlt jegliche statistische Dokumentation, sodass der Leser bezüglich der tatsächlichen Bedeutung der verschiedenen Publikationen im unklaren gelassen wird.

Trotzdem bekommt man einen Eindruck dieses für die meisten im Westen nicht wirklich fassbaren Landes: Der Traum von einem neuen Imperium resultiert nicht unwesentlich aus dem nie aufgearbeiteten Untergang des Sowjetreiches, der eine Art Minderwertigkeitsgefühl zurückgelassen hat. Genau diese Gefühl in einem nationalistischen Großmachtstraum zu bündeln ist Putin – vor allem durch Krimannektion und den Ukrainekonflikt – hervorragend gelungen. Eine der wenigen im Buch referierten Zahlen einer Umfrage dokumentiert dies: 80 % der Russen würden einer solchen Großmachtsphantasie auch persönliche (wirtschaftliche) Opfer bringen, das imaginierte Imperium ist wichtiger als der Lebensstandard. Humanistische Ideale haben wenig Platz: Sie gelten als Zeichen der Schwäche, als dekadent – und man hat den Eindruck, als ob Russland eine archaisch-nationalistische und pubertär anmutende Entwicklung nachzuholen sich anschickt. Worüber man lachen könnte, wenn dies nicht einerseits ein höchst gefährliches Spiel wäre und wenn diese Dummheiten nicht auch in fast allen westlichen Ländern wieder Fuß zu fassen begännen (make America great again – Deutschland den Deutschen usf.). Es ist dieses im Grunde primitive, antizivilisatorische Denken, das etwa in Österreich die Rechtspartei veranlasst, Verständnis für das russische Tun zu äußern; ein überwunden geglaubtes Denken, das sein unheilvolles Potential im 20. Jahrhundert mehrfach entfaltete. Und das zumindest kurzfristig (man hofft …) wieder salonfähig geworden zu sein scheint. Insofern ist das Buch denn auch lesenswert: Es erlaubt einen Einblick in jene nationalistische Seele, die man schon auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgt glaubte.


*) Hinzu kommen noch andere Seltsamkeiten: So vernimmt der geneigte Leser erstaunt, dass es “neben der Lyrik kaum ein anderes literarisches Genre gibt, in dem sich eine Lüge nicht sofort ästhetisch rächt”, “die lyrische Wahrheit spreche die Seele direkt an”, wodurch sich eben diese Lyrik ganz automatisch als die Form des politischen Widerstandes erweist. Dass also Gedichte und deren Erzeuger aufgrund des Formats schon der Lüge abhold seien, ist mir jedenfalls neu, wobei sich der Begriff der lyrischen Wahrheit vom an der Faktizität orientierten Wahrheitsbegriff gemeinhin zu unterscheiden pflegt. Auch fragwürdig sind die – glücklicherweise meist kurz gehaltenen – Ausflüge in die soziologische Theorie: Luhmann kommt zum Zuge und Adorno/Horkheimer mit ihrer Dialektik der Aufklärung (in der sie einiges in Russland prophetisch vorhergesehen hätten). Allerdings handelt es sich hiebei um Banalitäten – wenn etwa darauf hingewiesen wird, dass die Vergnügungsindustrie einem engagierten homo politicus nicht förderlich ist.


Ulrich Schmid: Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015.

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