Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften. Band 5: 1779-1780

230 Seiten Originaltext stehen deren 640 mit Anmerkungen, Kommentaren etc. gegenüber – alleine schon das zeigt, mit welchem Aufwand und welcher Sorgfalt das Herausgeberteam um Ulrike Leuschner den fünften Band der Werkausgabe (erschienen 2016, bei Wallstein) gestaltet hat.

Mercks Werk in den beiden Jahren 1779 und 1780 besteht vor allem aus Rezensionen. Merck rezensierte so ungefähr alles – ausser Belletristik. Um das weite Feld abdecken zu können, verliess er sich auf ein eigenes Team an Unterrezensenten, die ihm ihr Material mehr oder weniger roh zukommen liessen. Die meisten davon waren Arbeitskollegen Mercks, für die Chemie lieferte wohl auch sein Neffe Johann Anton den einen oder andern Beitrag oder zumindest die Anregung dazu. Da damaliger Sitte gemäss Rezensionen unsigniert erschienen, ist es im einen oder andern Fall auch nicht einfach, nur anhand von Stil, Rezensionstechnik und Interessengebiet zu entscheiden, ob hier nun Merck geschrieben hat oder nicht. Rezensionstechnik: Merck ging pragmatisch vor, oft las er nicht die ganzen Bücher, sondern allenfalls einen ersten Teil und schrieb den Rest anhand des Inhaltsverzeichnisses. Interessengebiet: Neben einem auch in den Rezensionen festzustellenden zunehmenden Interesse an Paläontologie und Osteologie sind es vor allem Reiseberichte, so dass deren Rezension ganz sicher aus Mercks Feder stammt – die zweite Weltumsegelung Cooks in dessen eigenem Bericht, aber auch im Bericht der beiden Forster; Joseph Banks’ parallel dazu stattfindende Reise nach Grönland; aber auch Pallas’ Berichte über seine Expeditionen in Russland. Daneben galt Merck als Experte für Fragen der Ökonomie und für die Beurteilung von Kupferstichen nach alten Meistern. Feuer und Flamme war Merck zu jener Zeit auch für ein neues Projekt – er schrieb einige Artikel für die Deutsche Encyclopädie – allesamt naturgeschichtlicher oder ökomomischer Art.

An Eigenständigem finden wir u.a. ästhetische Schriften Mercks: Briefe über Mahler und Mahlerey an eine Dame, wo er betont, wie wichtig Übung und Erfahrung für jeden sind, der Kunstwerke beurteilen wolle; Einige Rettungen für das Andenken Albrecht Dürers gegen die Sage der Kunst-Literatur., die genau dieses zum Zweck haben und zu den ersten Schriften gehören, die Dürer gegen die Italiener wieder für bedeutend hält; Ein Gespräch zwischen Autor und Leser, in dem Merck sich dagegen verwahrt, dass die Autoren auf Grund äusserlicher (z.B. konfessioneller) Massstäbe be- bzw. verurteilt werden. Zwei Satiren kommen der eigentlichen Belletristik am nächsten: Eine Landhochzeit, wo in gut aufklärerischer Manier dargestellt wird, wie die Stände sich zu durchmischen beginnen, der Müllerssohn die Beamtenlaufbahn einschlägt (und mächtig stolz auf sein Amt ist), der Amtmannssohn hingegen zum Müller in die Lehre geht; das Reise Journal von J. H. Merck schildert in übertrieben-satirischer Form Mercks Abenteuer auf der Heimreise von einem Besuch in Weimar. Ob dieser Text eventuell nur als Brief gedacht war (und wenn ja: an wen?) oder ob er tatsächlich zur Veröffentlichung gemeint war (wo aber wäre er veröffentlicht worden? hat Merck je eine Veröffentlichung versucht?), ist unklar. Das Journal existiert nur in einer Abschrift der Göchhausen. Es beruht auf der realen Heimkehr Mercks nach einem Besuch in Weimar. Vor allem die Herzogin-Mutter Anna Amalia (die wohl auch die Dame der Briefe über Mahler… war), aber auch ihr Sohn Carl August, waren zu  jener Zeit grosse Verehrer Mercks, der für den Hof Kupferstiche besorgte. Der ehemalige Freund Herder dagegen schimpfte wie ein Rohrspatz über den Eindringling. Das Lästermaul Böttiger verunglimpfte den Besuch wie immer in seinen Briefen. Über Goethes Reaktion wissen wir wenig, auch nicht, warum er im letzten Moment hintertrieb, dass seine Mutter aus Frankfurt mit Merck anreiste, wie es ursprünglich gedacht war. Das poetische Deutschland in seinem höchsten Flor wenn es will ist eine Satire gegen einen ähnlich betitelten Aufsatz, der vorschlug, mit obskuren Finanzmitteln Geld für die deutschen Dichter zu beschaffen. Unter der Hand geriet sie Merck auch zu einem Pasquill gegen Klopstock. Das Schreiben eines Landedelmanns aus dem Pays de Vaud / Antwortschreiben ist – obwohl das Waadtland Merck bestens bekannt war (seine Frau stammte von dort) – eine rein ökonomische Schrift, die mit dem Waadtland im Grunde nichts zu tun hat. Eine Beschreibung Kassels und zwei Beschreibungen der Gärten Darmstadts (die erste nur die englischen auflistenden, die zweite, auf der ersten basierende, auch die nach dem ‘alten’ französischen Stil gestalteten) runden Mercks nicht-kritische und nicht-enzyklopädische Arbeiten der Jahre 1779 und 1780 ab.

Ende 1780 sollte Wieland im Teutschen Merkur ankündigen, dass diese seine Zeitschrift ab dem Folgejahr keine Rezensionen mehr enthalten würde. Merck hatte seit längerem nur noch für den Teutschen Merkur geschrieben und praktisch nur noch Rezensionen verfasst. Obwohl er aus früheren Zeiten auch noch mit Nicolai in Berlin befreundet war, und früher auch in dessen Allgemeiner deutscher Bibliothek Rezensionen hinterlegt hatte, sollte er – gemäss Nachwort dieses Bandes – nicht mehr darauf zurückkommen, und so können wir gespannt sein, was der Inhalt von Band 6 sein wird.

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