Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn

Huckleberry Finn gilt als der Startschuss für die moderne US-amerikanische Literatur. Zu Recht. Er gilt auch als Jugendbuch – dies ein bisschen weniger zu Recht. Genauer gesagt nämlich handelt es sich bei Huckleberry Finn um ein Jugendbuch, das auch Erwachsene lesen dürfen bzw. sollen. Vielleicht auch umgekehrt – ein Buch für Erwachsene, das auch Jugendlichen zur Lektüre gegeben werden kann.

Verfilmungen und TV-Adaptionen streichen gern das Idyllische dieser Fahrt zweier Menschen den Mississippi hinunter heraus. Nun ist Idylle zwar bei Mark Twain auch vorhanden – als Dreh- und Angelpunkt seiner Sehnsucht nach einer besseren Welt, meist verkörpert im Fluss Mississippi seiner (Samuel Langhorne Clemens‘) eigener Kindheit und Jugend.

Mark Twain wäre aber nicht Mark Twain in seiner Höchstform, wenn der Huckleberry Finn nicht ein Buch wäre mit doppeltem Boden. Das Buch wird aktuell in vielen Schulbibliotheken der USA verboten – offiziell, weil Mark Twain dem Sprachgebrauch seiner Zeit und seiner Leute gefolgt ist und nicht von Farbigen, nicht von Schwarzen, auch nicht von Negern spricht, sondern von Niggern. Allerdings zeigen diejenigen, die das Buch verbieten lassen, nicht nur kein Verständnis für Geschichte oder gar Sprachgeschichte. Sie muten auch dem Verstand eines Jugendlichen sehr wenig zu. Inoffiziell habe ich den Verdacht, dass diese Leute insgeheim spüren, dass Mark Twain alles andere als ein strammer US-Amerikaner war. Denn, wenn wir unter den idyllischen ersten Boden mit der Mississippi-Fahrt und der Befreiung eines Sklaven schauen, finden wir recht Finsteres.

Überlegen wir uns, welche Personen denn in diesem Buch positiv gezeichnet sind, im Sinne dessen, dass sie ehrlich sind und mit ihren Mitmenschen anständig umgehen? Es ist im Grunde genommen nur einer – und das ist der entlaufene Sklave Jim. Gut, er ist seiner Herrin tatsächlich entlaufen – weil sie ihn ohne seine Familie in den Süden verkaufen wollte. Gut, er macht mit, wenn Huck und die beiden Schauspieler und Kleinganoven ihn jeweils fesseln, weil sie ihn für einen entlaufenen und wieder eingefangenen Sklaven ausgeben – aber er ist seiner eigenen Meinung ja tatsächlich entlaufen. Gut, er enthält Huck die Wahrheit über den Toten im auf dem Fluss treibenden Haus vor – aber Huck hätte die Wahrheit zu jenem Zeitpunkt wohl nicht ertragen und wäre wohl ausserdem dann nicht mehr mit Jim weitergeflohen.

Oder nein, wir haben noch einen weiteren ehrlichen Menschen in diesem Buch – nämlich die Figur des Huckleberry Finn selber. Er macht sich zwar dauernd Vorwürfe, dass er gegen das Gesetz und gegen den Ehrencodex der Weissen handelt, wenn er Jim bei seiner Flucht unterstützt. Dennoch hält er unbedingt zu ihm. Ganz zu Beginn spielt er ihm einen oder zwei kindische Streiche, doch das lässt er rasch sein, als er sieht, wie ernst Jim solche Sachen nimmt. Huckleberry ist, wie wir heute sagen würden, der Sohn eines Randständigen und bleibt im Grunde seines Herzens ein Randständiger, auch dann, als die Witwe ihn zu zivilisieren versucht. Dass ihn sein Vater entführt und auf einer Insel im Fluss einsperrt, stört ihn nicht wegen des wilden Lebens auf der Insel (das geniesst er sogar), sondern wegen der Schläge, die ihm sein Vater im Suff immer wieder verpasst. Und ausgerechnet Huck, dieser (in den Augen der ‚guten Gesellschaft‘ von St. Petersburg) Halbwilde, ist es, der Humanität nicht nur predigt, sondern auch ausübt.

Die andern Figuren dieses Romans sind entweder bigott, wie der neue Richter in St. Petersburg, oder sie schauen den Ereignissen de facto einfach zu. Tom Sawyer, der zu Beginn und am Ende ebenfalls vorkommt, ist in diesem Roman ganz einfach ein Kindskopf, der nicht erwachsen werden kann. Zu Beginn gründet er eine Bande, die eine Bande von Räubern sein soll und Karawanen überfallen – Dinge, die sich alle nur in seinem, Sawyers, Kopf ereignen und die Huck sehr rasch langweilig findet. Am Ende spielt Tom – wohl wissend, dass Jims Besitzerin unterdessen den Schwarzen freigelassen hat – eine Geschichte der Befreiung Jims, deren Inhalt er -zig unverdauten Büchern entnimmt, namentlich dem Grafen von Monte Christo.

Was wir also im Huckleberry Finn tatsächlich vor uns haben, sind eine USA von Bigotten, Kindsköpfen und Kleinkriminellen – jeder auf eigenes und ganz privates Vergnügen, eigenen und ganz privaten Vorteil bedacht. Dass sich dieses Bild der USA und seiner Bevölkerung in den öffentlichen Bibliotheken der USA nicht ausbreiten darf, scheint schon fast eine natürliche Konsequenz zu sein. Jedenfalls, dann, wenn tatsächlich Bigotte, Kindsköpfe und Kleinkriminelle das Sagen haben.

Absolute Leseempfehlung!

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.