Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant

Natalia resümiert ihr Leben in einer distanziert-neutralen Form, so, als ob sie selbst zumeist nur Zuschauerin gewesen wäre. Aber gerade diese Form des Erzählens macht das Buch eindrucksvoll, man lebt mit der Protagonistin, sieht sich in ein triviales Dasein verstrickt, das sich kaum von anderen Lebensläufen dieser Zeit unterscheidet und erliest sich das beispielhafte Leiden einer Frau, die sich als Spielball den sozialen und politischen Verhältnissen ausgesetzt sieht, ohne über diese Verhältnisse zu urteilen: Nur dass es ein schweres Leben war bleibt unzweifelhaft.

Wenig Außergewöhnliches passiert, Natalia wird umschwärmt, entscheidet sich für den Phantasten Quimet, einen Schreiner mit eigenwilligen Ideen, die zumeist auf Kosten seiner Frau ausgeführt werden. Quimet ist – wie fast alle Figuren dieses Buches – weder gut noch böse, er ist Mensch, oft faul, manchmal großherzig, häufig gedankenlos. Man gewinnt den Eindruck, dass – obgleich Natalia keine Gewalt erfährt – Frauen als bloßes Beiwerk existieren, als mehr oder weniger erfreuliche Notwendigkeit, deren eigene Bedürfnisse in der Männerwelt keine Berechtigung haben. Es ist eine Art natürlicher Ignoranz, die Natalia ebenso akzeptiert wie ihre gesamte Umwelt, ein scheinbar unabänderliches Schicksal, dem man nichts entgegensetzen kann.

So ist es auch mit dem Krieg (es handelt sich um den spanischen Bürgerkrieg), der ebenfalls ein Krieg der Männer ist, während die Frauen zu Hause warten, sich mit der immer prekäreren Versorgungslage herumschlagen. Die Sinnhaftigkeit all dieser Geschehnisse wird von der Erzählerin nicht hinterfragt, sie nimmt keine Stellung zu den politischen und sozialen Fragen, sondern trägt die Konsequenzen dieses Kampfes: Quimet stirbt an der Front mit seinen Freunden und Natalia sieht sich mit ihren beiden Kindern dem Hungertod ausgeliefert, dem sie nur noch durch Mord und Selbstmord entfliehen zu können glaubt. Die Rettung im letzten Augenblick (der seltenen Menschlichkeit eines einzelnen geschuldet) berührt, ohne sentimental oder pathetisch zu sein, was der Erzählweise geschuldet ist: Alles Unglück, alle Tragik werden als etwas Selbstverständliches referiert – und das kleine Glück, das sich dann entwickelt, ist frei von allen Romantizismen. Denn die Traumata des Krieges, des Sterbens lassen sich nicht einfach abschütteln, sie hinterlassen untilgbare Spuren in der Seele der Betreffenden.

Es ist ein stiller, bescheiden anmutender Roman über das alltägliche Schicksal der vom Krieg Betroffenen, über die unter dieser Gewalt und Grausamkeit Leidenden, ohne in irgendeiner Weise so hehre Gegenstände wie Gerechtigkeit oder Freiheit zu berühren: Er zeigt einzig die Auswirkungen sozialer Umstände, kriegerischer Auseinandersetzungen und die Menschen, die unter diesen Auswirkungen leiden. Und er zeigt die Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Frauen in diesem Kampf, den sie weder führen noch verhindern, sondern in seiner ganzen Tragik zu erleben gezwungen werden. Dieses Buch ist um vieles besser gelungen als der Roman „Weil Krieg ist“; die Thematik ist eine ähnliche, die Ausführung aber weniger pompös und gerade deshalb sehr viel berührender. Zur Darstellung schicksalhafter Vorkommnisse bedarf es keiner überbordenden Metaphorik und pathetischer Metaphern über Gewalt und Tod: Dafür ist eine zurückhaltende, einfühlsame Beschreibung jener, die diese Ereignisse erleben, ausreichend.


Mercè Rodoreda: Auf der Placa del Diamant. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991.

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