Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe

Ernst Klee ist mit zahlreichen Werken über die nationalsozialistische Vergangenheit bekannt geworden: Er hat sich all der Ungeheuerlichkeiten angenommen, die nach 1945 unter den Tisch gekehrt werden sollten (was in den meisten Fällen auch gelungen ist). Neben den Verstrickungen der christlichen Kirchen hat er sich vor allem den Vorgängen in psychiatrischen Kliniken, den Menschenversuchen, der Zwangssterilisation und der Euthansie gewidmet – und all denjenigen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit meist nur kurzer Unterbrechung ihre Karrieren fortsetzen konnten, während die Opfer (so sie denn überlebt hatten) zumeist ein auch materiell erbärmliches Dasein zu führen gezwungen waren.

Hier wird die Rolle der christlichen Kirchen (der evangelischen als auch der katholischen) untersucht – nicht so sehr während der Nazi-Herrschaft, sondern vielmehr nach deren Zusammenbruch. So gab es ein großes Netzwerk, dass den Verbrechern die Flucht ermöglichte (von Mengele bis Eichmann), das von den Kirchen betrieben und finanziell unterstützt wurde. Egal um welchen Massenmörder es sich auch handelte: Nachdem die letzten Konzentrationslager geschlossen worden waren, entdeckten die Kirchen (die zu diesen Lagern kaum ein Wort verloren) plötzlich ihre Mitmenschlichkeit und beriefen sich in ihrem verbrecherischen Tun auf die christlich gebotene Barmherzigkeit, eine Barmherzigkeit, auf die die überlebenden Opfer des Nationalsozialmus allerdings nicht rechnen durften. Diese Fluchtunterstützung war höchst professionell organisiert, Bischof Hudal, der diese Organisation prägte und leitete, hat später sogar in der nationalsozialistischen Zeitschrift „Der Weg“ (in der u. a. auch Josef Mengele unter Pseudonym schrieb) einen Artikel geschrieben, in dem auf die Bekanntschaft mit dem Leserkreis explizit – und stolz – hinwies.

Neben dieser Fluchthilfe ist es auch die unglaubliche Verharmlosung des Nazi-Terrors, die von namhaften Kirchenvertretern nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben wurde. Darunter sind nicht nur offene Sympathisanten mit dem NS-Regime wie etwa Michael Faulhaber, der Bischof von München, sondern auch als Widerstandskämpfer verkaufte „Helden“ wie Martin Niemöller. Häufig werden der Nürnberger Prozess und die Folgeprozesse als reine Siegerjustiz bezeichnet, als Rachetribunale, die völlig Unschuldige(!) verurteilen würden, die Haftanstalten, in der die NS-Verbrecher einsaßen, werden mit den Konzentrationslagern verglichen, deren Insassen eine ungleich menschlichere Behandlung erfahren hätten. Es gibt im Grunde keine Verbrecher, für den die Kirche nicht Fürsprache einlegte: Selbst ein Massenmörder wie Paul Blobel (Weihbischof Neuhäusler) oder der SS-Arzt Hanns Eisele (Nuntius Aloisius Muench, Weihbischof Wilhelm Burger) finden Unterstützung; Eisele, ein perverser Sadist, entgeht mit kirchlicher Hilfe tatsächlich der Strafe, wird begnadigt und kann vor einem erneuten Mordprozess nach Ägypten fliehen.

Die Liste dieser Perversitäten könnte noch über viele Seiten fortgesetzt werden: Es ist schwer angesichts der zahlreichen, durch die Kirchen geretteten Verbrecher, nicht Genugtuung über die schließlich doch Hingerichteten zu empfinden. Klee stellt sich die gleiche Frage, die sich jedem, der von diesen Dingen erfährt, stellt: Warum haben sich gerade die Kirchen für die Kriegsverbrecher so vehement eingesetzt? Und erkennt nur langsam, vielleicht sogar widerwillig (Klee hat Theologie studiert) die wahren Motive: „Ich mußte an die Kranken und Behinderten denken, die von Kirchenvertretern als „Minderwertige“ verschrieen worden sind. An die Armen auf der Landstraße, die man als Ungeziefer verteufelte. An Sozialdemokraten und Kommunisten, deren KZ-Haft mit klammheimlicher Freude vermerkt wurde. An den Überfall auf Rußland, der als Kreuzzug gegen das jüdisch-bolschewistische System begrüßt worden war. An die Juden, deren Verfolgung die Kirchenvertreter zu Beginn des „Dritten Reiches“ gerechtfertigt und zu deren Vernichtung sie geschwiegen hatten. […] Kirchenführer und Nationalsozialisten hatten dieselben Feindbilder, sie teilten das Menschenbild über Kranke, Behinderte, Homosexuelle, Zigeuner, Polen, Russen, Juden. Sie waren Kumpane im Geiste. Das erklärt die Nähe zu den Tätern und die Ferne zu den Opfern. Wenn Kirchenführer Nazi-Verbrechen verharmlosten oder leugneten, verharmlosten oder leugneten sie ihre eigene Beteiligung. Wenn sie Nazi-Verbrechern halfen, halfen sie sich selbst, denn: Waren die in Nürnberg und Dachau Angeklagten keine Verbrecher, konnten sie nicht Komplizen gewesen sein.“ In diesen Worten liegt viel Wahrheit und sie erklären wenigstens einen Teil jener ungeheuerlichen Allianz von Kirche und Massenmördern. Noch unglaublicher aber ist, dass dieser Geist fortlebt: 1992 schrieb das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg, dass „das, was der Landesbischof damals getan hat, heute Amnesty International tut, nämlich der Mund der Stummen zu sein und gegen Unrecht anzugehen …“ Bei so viel Dreistigkeit und moralischer Verkommenheit fehlen einem schlicht die Worte.


Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen. Frankfurt a. M.: Fischer 1992.

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