Michael Esfeld: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur

Esfeld versucht Metaphysik und neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu verbinden – und das alles auf der Basis eines wissenschaftlichen Realismus, der auf drei Grundvoraussetzungen beruht:

1. Die Welt an sich ist unabhängig von wissenschaftlichen Theorien – sowohl in ontologischer als auch kausaler Hinsicht. Das ist eine Absage an idealistische Programme jedweder Art.
2. Die Beschaffenheit der Welt legt fest, welche Theorien wahr sind. Auch diese Feststellung ist antiidealistisch, sie impliziert aber auch eine Form der Korrespondenztheorie der Wahrheit.
3. Die Wissenschaften vermitteln uns einen kognitiven Zugang zur Beschaffenheit der Welt. Diese epistemische Behauptung ist am ehesten dazu angetan, Widerspruch zu evozieren: Sagt sie doch, dass wir über Methoden verfügen, um wissenschaftliche Theorien rational vergleichen und eine der anderen vorziehen zu können.

Im ersten Kapitel werden diese Voraussetzungen untersucht und einige der damit verbundenen Probleme aufgezeigt: Punkt drei widerspricht etwa Machs Annahme, dass Theorien nur ökonomisch-pragmatische Formulierungen seien, die uns den Umgang mit einer nicht genauer zu bestimmenden Umwelt erleichtern (ich war erstaunt, den Namen Mach weder im Index noch im Literaturverzeichnis zu finden, obwohl man immer wieder auf Überlegungen stößt, die stark an sein Denken erinnern). Weiters wird die Duhem-Quine-These erläutert, die da die Fragwürdigkeit jeder Bestätigung oder Widerlegung einer Theorie behauptet, da man niemals wissen kann, was genau in einer Versuchsanordnung die entsprechenden Ergebnisse bewirkt. Und auch auf die Unterbestimmtheit einer Theorie durch die Erfahrung wird hingewiesen (die der bloß empirischen Prüfung Grenzen setzt), weil mit der Erfahrung gänzlich unterschiedliche Theorien in Einklang stehen können. Um nun eine Beurteilung im Sinne der Behauptung von Punkt 3 zu ermöglichen, bedarf es rationaler Kriterien: Die Lösung für dieses Problem sieht Esfeld in der Kohärenz von Theorien (die Definition dieser Kohärenz, dass “die begrifflichen Inhalte der Erklärungen so eng wie möglich miteinander zusammenhängen sollen” lässt aber vieles offen); dadurch wird eine Art von Rechtfertigungsholismus postuliert, durch den die erwähnte Unterbestimmtheit von Theorien durch die Erfahrung auf pragmatische Weise umgangen und auch eine Rettung durch ad-hoc-Annahmen verhindert werden soll.

Weiters wird eine semantischer Holismus vorgestellt, der die Trennung von Begriffsbestimmung und Welt als Illusion ausweist. Eine Änderung der Begrifflichkeit bedeutet so auch eine Änderung der Weltsicht (dies ist die Grundlage für die Inkommensurabilitätsthese von Kuhn & Co); allerdings seien nicht die Begrifflichkeiten für die Beurteilung einer Theorie entscheidend, sondern ihr Gegenstandsbereich. Dafür muss man zeigen können, dass es eine bestimmte neutrale Beschreibung dessen gibt, wovon die Theorie handelt und die keine spezifischen Begriffe der einen oder anderen Theorie verwendet. Zumeist kann hierfür eine Alltagsbeschreibung verwendet werden oder man kann bei theoretischen Begriffen (wie Elektron) auf die Erfahrung des Experimentators referieren: Die Behauptung der Vertreter der Inkommensurabilitätsthese würde ansonsten darauf hinauslaufen, dass tatsächlich die Theorie (die Begriffe) bestimmen, was wir von der Welt wissen. Und fast immer lässt sich ein Gegenstandsbereich so bestimmen, dass beide konkurrierenden Theorie angewendet werden können (z. B. Einsteins Relativitätstheorie und Newtons Gravitationstheorie), wodurch eine Basis für die Beurteilung der Theorien geschaffen wird.

Nach diesen recht klar formulierten Bedingungen für Esfelds Metaphysikversuch (denen ich grosso modo zustimmen würde), wird es allerdings problematisch. Er geht von einem Blockuniversum aus, einer vierdimensionalen Einheit, in der es gemäß der Einsteinschen Relativitätstheorie einen Vergangenheits- als auch einen Zukunftszeitkegel gibt. Unsere Vergangenheit bestimmt, wie unsere Zukunft aussieht – allerdings ist eine solche Sichtweise nur in unserem durch die Lichtgeschwindigkeit bestimmten Zukunftszeitkegel sinnvoll. Es ist also immer nur von der Perspektive des Beobachters abhängig, was als Zukunft oder Vergangenheit angesehen wird: Eine objektive Scheidung der Zeiten gibt es nicht, sondern vielmehr unendlich viele “Gegenwarten und Vergangenheiten” – je nach Perspektive. Die Gegenwart ist wie eine Art “Schnitt” im vierdimensionalen Raum, die dann unsere dreidimensionale Welt ergibt. Raumzeit und Materie werden von Esfeld als eine Art “Identität” begriffen, dadurch existieren nur Ereignisse in der Vierdimensionalität, wobei die Zeit das Problem der Identität löst (das etwas nicht identisch und doch nicht verschieden ist). In dieser Naturbetrachtung sind Relationen entscheidend (nicht die einzelnen Objekte): Dies ist vor allem durch die Quantenphysik und die “verschränkten” Objekte bedingt.

Esfeld postuliert nun einen Strukturenrealismus in Form eines Holismus, der den Relationen als Ganzen Eigenschaften zuerkennt (hier wird wieder eine gewisse Nähe zu Mach sichtbar). Dieser Strukturenrealismus soll intrinsische Eigenschaften von Objekten (die per se nicht erkennbar wären und damit die epistemische Konsequenz der Nichterkennbarkeit der Welt nach sich ziehen würden) überflüssig machen (tatsächlich sind diese sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Philosophie zumeist aus der Not geborene Lösungen, weshalb sie natürlich nicht per se falsch sein müssen). Im Anschluss setzt er sich mit den Kausalitätsproblemen der Humeschen Metaphysik auseinander (die ein streng kontingentes Weltbild zur Folge hat) und mit deren logischen Problemen, die sich aber nach meinem Dafürhalten durch das Konzept der Energieübertragung zwischen den Objekten ohne weiteres lösen lassen. Die Humesche Auffassung wird als notwendig intrinsisch und mit kategorialen Eigenschaften ausgestattet gedacht (dies sind Eigenschaften, die einfach “sind” und hingenommen werden müssen), während Esfeld seine Relationen mit dispositionalen (kausal wirkenden) Eigenschaften versieht, die sowohl deterministisch als auch probabilistisch sein können. Für diese seine Auffassung führt er jene Kohärenz an, die er zuvor als Kriterium zur Theorienbeurteilung vorgeschlagen hat.

Das Problem an dieser gesamten Naturmetaphysik sind die “intrinsischen” Annahmen von seiten Esfelds: Schon die deterministische Interpretation in Humes Metaphysik ist fragwürdig, da sich so gut wie alle modernen naturwissenschaftlichen Konzepte mit diesem Entwurf vereinbaren lassen (Jacob Rosenthal). Es wird nicht wirklich klar, was Esfeld mit diesem seinen Strukturrealismus wirklich will: Einerseits versucht er zu klären, was denn Eigenschaften, die Kauslität oder Naturgesetze sind, andererseits stellt er dann fest, dass “wir epistemisch in der Situation sind, keine zureichenden Argumente zur Verfügung zu haben, um diese Fragen eindeutig zu beantworten”. Das läuft darauf hinaus, dass nach Auswahl bestimmter Voraussetzungen (die Interpretation von Relativitätstheorie und Quantentheorie einschließen) ein mehr-weniger in sich konsistentes System entworfen und diesem Plausibilität zugesprochen wird: Was ein wenig an alte Systemphilosophie mit naturwissenschaftlichem Einschlag erinnert. Dieser suggeriert eine wissenschaftliche Anbindung, die aber fragwürdig ist: Zumindest haben mir Physiker mitgeteilt, dass Esfelds Sichtweise von Quantentheorie und Relativitätstheorie kaum “mehrheitsfähig” ist, eine eigene Einschätzung all der vorgebrachten Auslegungen wage ich allerdings nicht. Mir will es scheinen, dass hier höchst komplizierte naturwissenschaftliche Theorien (von denen Esfeld oft sehr familiär spricht und so tut, als ob man quantenphysikalische als auch relativitätstheoretische Probleme recht einfach durch Analogien zu erklären in der Lage sei, ohne ihren für uns paradoxen und dadurch oft unverständlichen Charakter entsprechend Nachdruck zu verleihen) in ein metaphysischen Prokrustesbett gezwungen werden sollen, um darüber das Schild “Metaphysik der Natur” anbringen zu können. Ich habe meine Zweifel an diesem Vorhaben einer Metaphysik um der Metaphysik willen: Ob sie wirklich etwas zum Verständnis dieser Natur beiträgt oder einfach nur eine logisch (mehr-weniger) konsistente Momentaufnahme – ausgehend von bestimmten naturwissenschaftlichen Interpretationen – darstellt, deren Dauer eine eher bescheidene sein könnte.


Michael Esfeld: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008.

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Michael Esfeld: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur

  1. Pingback: Gerhard Hennemann: Grundzüge einer Geschichte der Naturphilosophie und ihrer Hauptprobleme | litteratur.ch

  2. Pingback: Rüdiger Vaas: Vom Gottesteilchen zur Weltformel | litteratur.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.