Der Stricker: Erzählungen, Fabeln, Reden

Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Otfrid Ehrismann. Stuttgart: Reclam, 22011. (= Reclams Universal-Bibliothek, 18821)


Dieses Bändchen der Universal-Bibliothek verfolgt verschiedene Ziele. Zum einen ist es das bis heute gültige Ziel der Universal-Bibliothek im Allgemeinen, dem interessierten Leser / der interessierten Leserin einen günstigen Zugang zu Texten der Weltliteratur zu bieten. Dafür sind oft Kompromisse nötig, die aber in vorliegendem Fall recht klein gehalten wurden. Die Texte des Strickers sind allesamt übersetzt, wobei Otfrid Ehrismann die Verse in normale Prosa transponierte, was insgesamt die Lesbarkeit erhöht. Wer tiefer in die Materie eindringen will, hat auf der dem neuhochdeutschen Text gegenüberliegenden Seite jeweils die mittelhochdeutsche Version. Damit kommen wir zu einem weiteren Ziel der vorliegenden Ausgabe: Solche Reclam-Hefte sind auch an Universitäten beliebt, bei Studenten und Professoren von mittelhochdeutscher Sprache und Literatur. Denn die Texte sind zuverlässig und können als Norm genommen werden. Natürlich gibt auch dieser Band seine Texte in einer sprachlich normierten und bearbeiteten Version wieder – die deutsche Orthographie z.B. war im 13. Jahrhundert ja noch nicht geregelt, so dass jeder Schreiber mehr oder weniger eine eigene Orthographie verfolgte. Auch sind die Texte des Strickers ja nicht von ihm selber niedergeschrieben worden – jedenfalls nicht die, die uns überliefert sind – sondern existieren nur in Abschriften von Abschriften in irgendwelchen von einem Kloster oder einem Mäzen veranstalteten Kollektaneen. Dieses Bändchen ist redlich genug, seine Quellen und seine Bearbeitungsprinzipien offen zu legen. (Und wer hat im Studium schon je Gelegenheit, Original-Handschriften zu lesen, und sei es auch nur in Form von Fotokopien?)

Die kurzen Erzählungen des Mittelalters waren nach eigenen Textformen geordnet, die mit den heutigen wenig zu tun haben. Die vorliegende Ausgabe unterscheidet Fabeln, allegorische Erzählungen (Tierparabeln), Märchen, moralische Erzählungen (Mären) und Reden, wobei der Herausgeber in seinen Erläuterungen ganz klar darauf hinweist, dass das nur Hilfsübersetzungen sind. Erschwerend kommt im Falle des Strickers noch hinzu, dass er sich zum Teil nicht um die zu seiner Zeit vorgegebenen Textsorten kümmerte, bzw. sie mischte oder erweiterte. Formal eher experimentell, inhaltlich (was die Moral seiner Geschichten angeht) aber wertekonservativ. (Im Grunde genommen ein explosives Gemisch, und es verwundert, dass er anders als seine Zeitgenossen Hartmann, Gottfried, Wolfram oder Walther von der Vogelweide heute dem breiten Publikum praktisch unbekannt ist. Aber das ganz grosse Epos oder dann die ganz kleine lyrische Form hatten es beim Publikum immer leichter als die kurze Erzählung. Das lässt sich bis heute feststellen, wo der Erzähler von Kurzgeschichten noch immer marginalisiert wird.)

All dies und mehr erfährt der neugierige Leser im Anhang zu den Texten – einem Anhang, der alleine 100 von 280 Seiten einnimmt. Auch zur Person des Strickers erfährt man einiges – allerdings nicht mehr oder anderes als in der Reclam-Edition des Pfaffen Amis. Der Spagat zwischen Allgemeinverständlichkeit und Wissenschaftlichkeit ist Verlag und Herausgeber gelungen – einmal mehr ein Bändchen der Universal-Bibliothek, das man uneingeschränkt empfehlen kann. Ob man den Zugang zum Stricker jenseits des Pfaffen Amis findet, bleibe allerdings dahingestellt. Mein Geschmack war diese Kurzware eher weniger.

Dieser Beitrag wurde unter Kürzere erzählende Texte abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.