Oliver Betz, Heinz-R. Köhler (Hrsg.): Die Evolution des Lebendigen

Das Buch ist die Zusammenfassung der Beiträge einer gleichnamigen Ringvorlesung der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, wobei es das Ziel der Vorlesungsreihe u. a. gewesen sei, Prozesse und Mechanismen der Evolution auch Nicht-Fachleuten zugängig zu machen. Dieser Anspruch konnte aber nur teilweise eingelöst werden, der Spagat zwischen abgehobener Fachliteratur und Allgemeinverständlichkeit gelang nicht überall.

Ein Beispiel für ein solches Nichtgelingen ist der Beitrag von Günter Wächtershäuser, der die Entstehung des Lebens an eine vulkanische Eisen-Schwefel-Welt gebunden sieht. Der Artikel besteht im Grunde fast nur aus chemischen Formeln und deren Erläuterung, die sich dann so liest: „Die Peptidsynthesereaktionen bilden zusammen einen Peptidzyklus mit einem anabolischen (synthetischen) Segment und einem katabolischen (hydrolytischen) Segment. Genauer gesprochen handelt es sich um eine Verkettung von Peptidzyklen.“ Oder: „Die freien Aminogruppen der Dipeptide reagieren weiter mit NCA zu Tripeptiden, diese zu Tetrapeptiden usf. In Konkurrenz zu dieser N-terminalen Kettenverlängerung kommt es zu einem N-terminalen Kettenabbau, wobei zunächst ein Hydantoinring gebildet wird.“ Diese beiden Sätze habe ich völlig beliebig ausgewählt, der gesamte Beitrag ist in diesem Stil verfasst. Damit sind im übrigen nicht nur Nicht-Biologen überfordert, sondern auch Biologen (wie ich feststellen durfte). Das ein derartiger Sermon im Rahmen einer auf Allgemeinverständlichkeit abzielenden Vortragsreihe völliger Nonsens ist, versteht sich von selbst.

Oder aber die Hilflosigkeit äußert sich in dem an sich interessanten Beitrag von Nicholas J. Conard („Die Evolution der menschlichen Kultur“) in völlig sinnfreien und unkommentierten Abbildungen von Steinartefakten (insgesamt werden rund 150 dieser Artefakte dargestellt, ein Bezug zum Text ist nicht erkennbar außer in der Tatsache ihrer bloßen Erwähnung). Einige wenige Darstellungen nebst den entsprechenden Erklärungen in der Entwicklung der Werkzeuge wären sehr viel sinnvoller gewesen. Ähnlich kurios wirken die Zeichnungen der Molarengebisse im Beitrag von Wolfgang Maier über die „Erfolgsgeschichte der Säugetiere und des Menschen“, wobei der Text zum Bild auch nicht wirklich zur Klarheit beiträgt: „Jeweils zwei linke obere und unter Molaren des Opossums (Didelphis) sind in der Aufsicht dargestellt; […] Beim stereotypen ectentalen (quer von außen, buccal von innen, lingual, verlaufenden) Kauzyklus (B) wirken komplementäre Kanten und Flächen […]“ Diese Problematik zieht sich durch sehr viele Beiträge, dem Anspruch, dem interessierten Laien die jeweilige Thematik nahe zu bringen, werden sie nur sehr eingeschränkt gerecht. Allerdings habe ich trotz dieser konzeptionellen Widrigkeiten das Buch im großen und ganzen mit Interesse und einigem Vergnügen gelesen.

Ärgerlich allerdings auch der abschließende Beitrag („Gott – (nur) eine Erfindung der Evolution?“) von Urs Baumann, ein Theologe (und Anhänger von Teilhard de Chardin nebst seinem esoterischen, christologischen Omega-Punkt), der sich entsprechend aufgeschlossen geriert und Evolutionstheorie und Gottesglaube (in seinem Fall christlicher Provenienz) vereinbaren will. Seine Argumente (auf die sich weiter nicht einzugehen lohnt, es ist das übliche Sammelsurium von „aber die Wissenschaft weiß auch nicht alles“ bis zur Abbildung eines Schneehasen (sic), der für den Autor eine „tiefere, symbolische Wirklichkeit“ darstellt, was ihn hinwiederum zur Zweifel an der Empirie der Naturwissenschaften führt) sind bestenfalls peinlich, sein Glaube an die „Transzendenz (= Glaube an außer/übernatürliche Mächte)“ (die er ganz perfide aus „bild der wissenschaft“ übernimmt, um „Wissenschaftlichkeit“ suggerieren zu können) hat in einem naturwissenschaftlichen Buch über die Evolution nichts verloren. Aber man gibt sich in universitären naturwissenschaftlichen Kreisen gerne aufgeschlossen und glaubt, einen Dialog mit der Theologie (die an einer Universität ohnehin deplatziert ist) führen zu müssen (oder zu können). Was vollkommener Unsinn ist: Der christliche Glaube ist mit der Evolution in keiner Weise vereinbar. Im übrigen liefert Baumann selbst eines von zahlreichen, theologisch schlüssigen Argumenten einer solchen Unmöglichkeit, wenn er die Enzyklika von Pius XII. zitiert: Ein Polygenismus ist nicht möglich, da alle Menschen von Adam abstammen und – noch sehr viel wichtiger – von ihm mit der Erbsünde belastet sind. Baumann nimmt zu diesem Unsinn nicht explizit Stellung, glaubt sich aber wohl offenkundig (als der evangelischen Kirche angehörig) über eine solche Argumtention erhaben. Ist er aber nicht – die grundlegenden Dogmen wie Wiederauferstehung, Wiederkunft Jesu Christi nebst Himmelreich etc. sind mindesten ebenso einfältig und – wenn man Christ sein will – nicht aufgebbar. Das aber blendet man in schizoider Perfektion aus.

Es sind aber weniger die „Argumente“ des Theologen als die schlichte Tatsache, dass er als eine Art „Quotenesoteriker“ in den Kreis der Vortragenden aufgenommen wurde, die verstört. Neben den anderen geschilderten Widrigkeiten also ein Buch für Laien, die neben ihrem Interesse auch ein gerüttelt Maß an Ausdauer und Toleranz mitbringen müssen.


Oliver Betz, Heinz-R. Köhler (Hrsg.): Die Evolution des Lebendigen. Tübingen: Attempto 2008.

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