Anton Kuh: Werke. Band 2: 1918 – 1923

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war auch das Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gekommen. Und der Beginn von Anton Kuhs Laufbahn als ebenso scharfsichtiger wie scharfzüngiger Beobachter und Beschreiber der Ereignisse rund um die Geburt der neuen europäischen Staatenordnung. Kuhs Analysen (im Sinne einer Erforschung der Ursachen der von ihm festgestellten Phänomene) sind zwar oft seltsam – so, wenn er im Kapp-Putsch von 1920 vor allem Gymnasiasten involviert sah. Aber er registrierte wie ein Seismograph die kleinsten Erschütterungen im Gebälk der Weimarer Republik und Österreichs. Schon bei der Gründung Österreichs in seinen neuen Grenzen stellte er fest, dass dieselben nationalistisch-deutschen Politiker, die eine Bildung eines polyglotten Bundesstaates verhindert hatten, indem sie auf einem Vorrang der deutschen Sprache in diesem Staat beharrten (worauf die Tschechen und Polen die Lust verloren), nun im neuen Österreich konsequent auf einen Anschluss an ein Grossdeutschland hinarbeiteten. Auch die antisemitischen Tendenzen, die schon in der Doppelmonarchie an der Arbeit waren, übersah Kuh keineswegs.

Überhaupt sind die in Band 2 der Werkausgabe versammelten fünf Jahre für Kuh auch eine Zeit, in der er sich intensiv mit dem Verhältnis der jüdischen Mitbürger zu ihrem Staat auseinandersetzte. Wobei dieser Staat sowohl Österreich wie die Weimarer Republik sein konnte, lebte und arbeitete Kuh doch seit einiger Zeit in Berlin. Juden und Deutsche ist in dieser Zeit entstanden, ebenso wie Börne, der Zeitgenosse (letzteres ein Vorwort zu einer von Kuh erstellten Auswahl aus Börnes Werken). In beiden Texten stellt Kuh dieselbe Forderung an seine deutschen und jüdischen Zeitgenossen: Zusammenarbeit, ohne dass die kulturellen und religiösen Unterschiede deswegen ignoriert werden sollten. Dass Börne in Deutschland gehört und gelesen wurde, ja Klassiker-Status erreichte, verdankte er der Tatsache, dass er seinen Geburtsnamen Löb Baruch hinter einem Pseudonym versteckte. ‚Klassiker-Status‘ bedeutete aber immer auch, für die Gegenwart nicht anwendbar zu sein. Dem versuchte Kuh gegenzusteuern, indem er ausgewählte Werke neu veröffentlichte und indem er Löb Baruch als jüdischen Intellektuellen auffasste, der auch 1922 noch viel zur aktuellen politischen Situation zu sagen hatte. Ein Zusammenschluss deutscher und jüdischer Intellektueller gegen den Rechtspopulismus schien Kuh dringend nötig. Als Beispiel, wie der rechtsextreme, deutschnationale Flügel die politische Tagesordnung dominierte, bringt er die Besetzung der Prager Universität durch deutsch-mährische Rechtsextreme, weil sie zu wenig ‚deutsch‘ sei – eine Universität, die seit Jahrhunderten von den Deutschen in Prag unterstützt worden war. Was die Deutsch-Mähren allerdings gepflegt ignorierten, waren doch die Prager Deutschen, zumindest die führenden Schichten, praktisch zu 100% – Juden. Die Prager Deutschen aber – hielten still.

Natürlich hat Kuh nicht nur politische Essays verfasst. Theaterkritiken gehören nach wie vor zu seinem Tagesgeschäft. Sein Liebling ist immer noch Wedekind. Werfel steht er weniger kritisch gegenüber als auch schon. Hauptmann stellt er vor allem deswegen bloss, weil der sich im Laufe der Zeit vom kritischen und kantigen Gesellschaftskritiker zum blassen Goethe-Verschnitt ohne Ecken und Kanten gemausert hat. Thomas Mann nun mag er schon gar nicht leiden. Man findet in Von Goethe abwärts, einer Aphorismen-Sammlung, einige recht spitze Bemerkungen zur zeitgenössischen Literatur, und nur schon um dieses Textes Willen lohnt sich die Lektüre von Band 2 der Werkausgabe.

Es sind auch schon in Band 2 Essays zu finden, in denen sich Kuh mit seinem Intimfeind Karl Kraus auseinandersetzt. Da der grosse diesbezügliche Text, Der Affe Zarathustras, erst in Band 3 folgt, behalte ich mir meine Gedanken zum Thema Kuh vs. Kraus bis dahin vor. Nur so viel sei gesagt: Kraus war keineswegs der einzige Kollege-Satiriker, den Kuh ‚heruntermacht‘. Auch Tucholsky muss daran glauben – anhand einer Schallplatte, in der er (Tucholsky) einige seiner Texte vorliest, unter anderem einen, in dem er, der Berliner, das Wiener Idiom nachzumachen sich traut. Es ist halt leider auch bei Kuh in der Praxis so vieles anders als in der Theorie…

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