Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Ohne den Hinweis eines – mit der Literaturszene sehr viel vertrauteren Freundes – hätte ich wohl noch lange kein Buch dieses Autors gelesen. Und – es wäre mir etwas entgangen, eine Art von Literatur, die ich ganz außerordentlich schätze.

Seethaler beschreibt das Leben des Andreas Egger, geboren in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, gestorben in den späten 70ern abends an seinem Tisch, wartend auf den nächsten Herzschlag, der nicht mehr kommen wollte und drei Tage später vom Briefträger gefunden in dem ehemaligen Viehstall, den er sich einigermaßen wohnlich eingerichtet hatte. Dazwischen liegt ein „ganzes Leben“, ein Leben, das nicht gut, aber auch nicht „ganz schlecht“ war, wie Egger im Alter feststellt. Aufgewachsen als Stiefsohn am Bauernhof seines Onkels, die Prügel ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Arbeit, zu der sich Egger (obschon er durch die Schläge des Bauerns zeitlebens ein wenig hinkt) seiner Kraft wegen als überaus geeignet erweist. Keine Rebellion, nur die Drohung des dann schon 18jährigen: „Wenn’st mich noch mal schlagst bring ich dich um.“

Egger verdingt sich als Knecht, als gern gesehener, weil guter Arbeiter, erspart sich gerade so viel, um eine kleine Wiese pachten zu können, auf der er sich eine (seine) Hütte baut – und er lernt Marie kennen, eine ebenfalls vom Leben nicht bevorzugt behandelte junge Frau. Seine Werbung wird angenommen, er bekommt Arbeit bei einem Seilbahnunternehmen, doch es soll nichts werden mit dem Glück: Eine Lawine verschüttet sein bescheidenes Heim, Marie stirbt, während er selbst der Katastrophe durch Zufall entkommt. Die Firma entlässt ihn nicht, obwohl er durch den Unfall nun noch stärker behindert ist, seine freiwillige Meldung zum Krieg (der ihm gerade recht kommt) wird erst einige Jahre später angenommen: 1942 wurde auf die Unversehrheit des Bewerbers weniger Rücksicht genommen als zu Kriegsbeginn. Nach nur zwei Monaten im Kaukasus gerät er in Gefangenschaft, 8 Jahre später kehrt er zurück in jenen Ort, in dem das Grab seiner Marie liegt: Und sieht sich mit einer neuen Welt konfrontiert, mit Schifahrern und Touristen, bei denen er schließlich als Bergführer in den letzten Jahren sein Geld verdient. Bis zu jenem Tag, an dem er vergeblich auf den nächsten Herzschlag wartet.

Das klingt wenig aufregend und ist wohl auch kein Buch für all jene, denen es um faszinerende Handlungsstränge, Spannung und dergleichen zu tun ist. Und es könnte tatsächlich ein Langweiler sein: Wäre da nicht dieser wundervoll eingängige Erzählstil, diese stille, fast bescheidene Beschreibungskunst, die jeden Augenblick dieses nur bedingt aufregenden Lebens in eindrucksvoller Klarheit dem Leser vorstellt. Seethaler hat keine überbordende Metaphorik notwendig, nirgendwo wird man mit verborgener Sinnhaftigkeit konfrontiert, mit krampfhaft bemühten Allegorien (damit der Leser nur ja nicht vergisst, was denn der Autor sich da alles gedacht hat – wie etwa hier), sondern setzt seine Worte sorgfältig, genau, sparsam – und schafft dadurch ungeheuer einprägsame Bilder, erzeugt ein Mit-Leben mit seinem „Helden“, wie es nur wenigen Autoren gelingt. Und weil Seethaler ein brillianter Erzähler ist, zeigt er, wie eine der übertriebenen Metaphorik verdächtige Szene zu gestalten ist: Auf den ersten Seiten sieht man Egger mit einer Holzkraxn am Rücken durch den Schnee gehen: Er hat sich den Hörnerhannes, einen Ziegenhirt aufgeladen, den er krank in seiner Hütte gefunden hat und will ihn auf diese Weise zum Arzt bringen. Doch der hält nichts von seiner Rettung: Er befreit sich und rennt mit großen Schritten wieder den Berg hinan, in das Schneegestöber hinein. Erst kurz vor seinem Tod sieht Egger den Hörnerhannes wieder: Schiläufer haben ihn weit abseits der Piste in einer Gletscherspalte gefunden, noch gut erhalten, nur ein Bein und die Augenlider fehlen. Dem Leser geht es bei dem überraschenden Anblick ähnlich wie dem Egger: Er staunt, wie viel Zeit vergangen ist, wie weit weg sich die Ereignisse befinden, er wird sich bewusst, dass dazwischen ein „ganzes Leben“ liegt. Ganz leise spürt man die Frage nach Sinnhaftigkeit, Vergänglichkeit, nach der Zeit: Die der eine im Eis, der andere mit Krieg und Arbeit zugebracht hat.

Ein außergewöhnliches Buch von einem ebensolchen Autor, reine Erzählkunst, die in ihrer Kargheit, im Verzicht auf alles Effektheischende, äußerst selten ist. Sollte man unbedingt lesen, wenn man Literatur liebt.


Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Berlin: Hanser 2014.

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