Anton Kuh: Werke. Band 3: 1923 – 1926

In der von Band 3 abgedeckten Periode scheint sich Kuh etwas weniger politisch geäussert zu haben als in der des vorhergehenden Bandes. Nicht, dass er nun schweigen würde. Kuh ist immer noch als politischer Publizist auf der linken Seite des politischen Spektrums tätig. Aber er verbeisst sich weniger in konkrete Ereignisse als in allgemeine Phänomene, sozusagen in den Zeitgeist. Als unabhängigem Kopf – Kuhs Wort für einen aufgeklärten Intellektuellen – stösst ihm so einiges sauer auf. Nicht nur die zunehmende Verbreitung rechtspopulistischen, faschistischen Gedankenguts an sich. Ihm gefallen zusehends die Wendehälse nicht – die, die ihr Fähnchen in den gerade wehenden Wind hängen, ohne die Konsequenzen für mehr als für den heutigen Tag zu bedenken. Da sind – vor allem in Österreich – die jüdisch-stämmigen Grossbürger, die sich bei der deutsch-national gesinnten Rechten einschleimen – bis hin zur Tatsache (so Kuh satirisch(?)), dass sie sich gar das Invektiv „Saujud!“ entschlüpfen lassen.

Selbst zur offiziellen bzw. offiziösen Behandlung der Homosexualität (in Deutschland wie in Österreich zu jener Zeit strafrechtlich verfolgt!) äussert sich Kuh. Als unabhängiger, politisch wacher Kopf kann er nicht umhin, eine unterschiedliche Behandlung des Homosexuellen, der Homosexualität, festzustellen – je nachdem, welcher Gruppe der ‚Delinquent‘ gerade angehört. Überhaupt ist Kuh in puncto punctis der Meinung, es solle doch jeder nach seiner Façon glücklich werden können.

In Kuhs Äusserungen zur Literatur fällt sein politischer Standpunkt durchaus ebenfalls ins Gewicht. Allerdings ist es auch hier so, dass in den Jahren zwischen 1923 und 1926 eine Echtheit und Konsequenz der Überzeugungen eines Autors zusehends in den Vordergrund von Kuhs Überlegungen zu ebendiesem kommt. Wedekind ist nach wie vor Kuhs Liebling. Kuh ist aber auch einer der ersten, der in Wien Kafka vorstellt – und zwar äusserst positiv besprochen vorstellt. Er ist nach eigener Aussage der einzige, der in einem Wiener Blatt einen kurzen Nachruf auf Kafka einstellt; Kafkas Proceß gehört zu den wenigen Romanen, die Kuh überhaupt bespricht. Denn seine Liebe gilt ansonsten dem Drama. Es fällt auf, dass er die in der frühen Nachkriegszeit von ihm nicht sonderlich geschätzten Werfel, Schnitzler oder Hofmannsthal nun positiver eingeschätzt. Das hängt sicher damit zusammen, dass diese Autoren halt – bei allen Unterschieden zu ihm, Kuh, selber – für ihn das sind, was heute der Allgemeinplatz ‚authentisch‘ bezeichnet: in ihrem Schaffen seit Jahren konsequent und nicht unkritisch sich selber und ihrer Gesellschaftsschicht gegenüber. (Stefan Zweig, der als einer der grossen Pazifisten und Gegner des Faschismus gilt, hält er allerdings für ein laberndes Weichei (meine Formulierung). Und bei Felix Salten, der auf dem rechten politischen Flügel für Anständigkeit und (sexuelle) Sauberkeit polemisiert, wird Kuh nicht müde, auf seine pornografische Jugendschrift, die Josephine Mutzenbacher, hinzuweisen.)

Alles in allem sind Kuhs Kritiken aber bis heute durchaus lesenswert.

Ach ja. Da war noch was.

Kuhs Verhältnis zu Karl Kraus. In Band 3 findet sich Der Affe Zarathustras, Kuhs berühmt-berüchtigter Vortrag über (gegen) Karl Kraus. Kuh vergleicht darin Kraus mit dem Narren, den das Volk «den Affen Zarathustras» nannte – einer Erscheinung aus Nietzsches Also sprach Zarathustra. (Kuh hat – nebenbei – auch den Missbrauch von Nietzsches Schriften durch die Rechte und durch dessen eigene Schwester angeprangert.) Damit ist in nuce dargestellt, was Kuh an Kraus störte: das Theatralische, Unechte, das er in ihm fand. Ein unabhängiger Kopf, so Kuhs Überzeugung, würde weder Proselyt sein können, noch Proselyten werben können. In Bezug auf die Werbung von Anhängern ist Kraus, so Kuh, seinem Antagonisten Hitler gleich – und die Schar der Proselyten beider ähneln sich auch hierin, wie Kuh ganz zu Beginn des Vortrags festhält, dass sie mit dem politischen Gegner nicht argumentieren, sondern ihn einfach nur niederzuschreien versuchen. Kraus hindert seine Jünger nicht nur nicht daran – er geht mit gutem Vorbild voran. Bis heute sind die Krausianer stolz darauf, dass Kraus seinen Antagonisten Kuh kein einziges Mal in der Fackel erwähnt habe, sondern ihn immer nur vor Gericht gezogen habe. Wir finden zwei oder drei mehr oder minder amüsierte Berichte Kuhs darüber. Weshalb man auf Kraus‘ Prozess-Sucht allerdings stolz sein kann, liegt jenseits meines persönlichen Horizonts. Zumindest wir im Jahre 2017 wissen, dass rechtspopulistische Semi-Diktatoren genau so handeln wie Kraus. Wenn andere Argumente fehlen, muss man halt persönlich beleidigt sein.

Ich bin ansonsten durchaus ein grosser Fan von Karl Kraus. Hier allerdings scheint mir Kuh in seiner Analyse des Homo Krausiensis Recht zu haben. Jedenfalls freue ich mich auf die Lektüre von Band 4.

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