Ernst Haeckel: Die Welträtsel

Haeckel war gegen Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen Schriften, die sich offenbar irgendwo im Graubereich zwischen Populärwissenschaft und Populärphilosophie tummelten, und in denen er seine Weltanschauung des Monismus progagierte, recht bekannt. Mauthner, ein anderer Populärwissenschafter und -philosoph jener Zeit, nimmt des öfteren Bezug auf ihn. Und obwohl sie beide in Bezug auf eine voraussetzungslose, nicht mit metaphysischen Bedingungen erfüllte Wissenschaft einer Meinung sein mussten, mochte Mauthner Haeckels Monismus nicht.

Die Welträtsel erschien zum ersten mal 1899, in dritter Auflage 1918; und noch 2009 wurde ein Reprint dieser dritten Auflage veranstaltet, den ich nun gelesen habe. Die Welträtsel: Damit sind ein Fragen zu Ursprung und Wesen des Universums und des Menschen gemeint, die Haeckel mit der modernen Naturwissenschaft und mit seinem Monismus beantwortet haben will.

Haeckel verwirft jede Form von Dualismus. Das macht sich insbesondere in seiner Darstellung der Seele bemerkbar. Psychologie ist für ihn ein Zweig der Physiologie – die Seele eine körperliche Funktion. Leben ist eine rein materielle Funktion – die Idee eines (und nun gar von Gott!) eingehauchten Lebensfunken verwirft er, und sein grösster Vorwurf an Albrecht von Haller ist es, dass dieser als Arzt mit seiner grossen Autorität den Gedanken eines Lebensfunkens in die Medizin eingeführt hat, den die alten Griechen Hippokrates und Galenos noch nicht kannten. Haeckel ist ein unbedingter Verfechter der Evolutionslehre. Nichts findet er befremdender als Wissenschafter, die an irgendwelche metapyhische Entitäten glauben; Wallace z.B. nennt er nicht seines Beitrags zur Evolutionstheorie wegen, sondern weil er sich in seinem späteren Leben dem Spiritismus ergegeben hat.

So weit, so gut – und vielleicht nicht einmal weiter erwähnenswert. Aber Haeckels Weltbild weist ein paar Unebenheiten auf. In der Evolutionstheorie z.B. verficht er die Anschauung, dass auch im Laufe eines Einzellebens erworbene Fähigkeiten und Eigenschaften weiter vererbt werden können – mehr Lamarck als Darwin also. Und auch wenn er in Die Welträtsel nicht ganz explizit damit herausrückt: Er nimmt die Existenz verschiedener menschlicher Rassen an, die sich – manchmal mit positivem Effekt, meist mit negativem – vermischen können. Aber, da er schon davon ausgeht, dass die Herrentiere (die Primaten) die höchste Stufe der Evolution einnehmen, muss er auch davon ausgehen, dass irgendeine Menschenrasse die höchste Stufe jener höchsten Stufe einnehmen wird. Zumindest Grundlagen zu einer Rasseneugenik hat er gelegt, auch wenn er 1919 (also lange vor der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus in Deutschland) gestorben ist und auf die Weiterentwicklung seiner Thesen (u.a. durch seinen Privatsekretär!) keinen Einfluss mehr hatte.

Vor allem in der Physik hat das Weltbild des Zoologen Haeckel auch so seine Macken. Als Medium der Übertragung z.B. von Licht im Universum nimmt er, wie viele zeitgenössische Physiker allerdings, einen Äther an – eine subatomare, nicht-atomare, prä- oder protoatomare Substanz, die sich jeder Beobachtung und Verifizierung entzieht. Damit ist das All gefüllt, wo keine eigentliche Materie festzustellen ist. Alleine schon die merkwürdige Beschreibung des Äthers hätte nachdenkende Wissenschafter misstrauisch stimmen müssen… Ähnlich steht es um andere Eigenschaften des Universums. Es ist nach Haeckels Ansicht unendlich in Raum und Zeit. Weder räumlich noch zeitlich ist ein Anfang oder ein Ende vorhanden. Was natürlich als Argument gegen die Kreationisten jeder Couleur ausgezeichnet taugte (und auch zu Haeckels Zeit Überzeugung der meisten Naturwissenschafter war), hatte allerdings den seltsamen Nebeneffekt, dass Haeckel expressis verbis ein Perpetuum mobile, also eine Vorrichtung, die mehr Energie produziert als sie verbraucht, im Kleinen (z.B. auf unserer Erde) abstreitet, im Grossen aber (nämlich auf das Universum als Ganzes bezogen) zugeben muss. Auch hier eine merkwürdige Konstruktion, die nachdenkende Wissenschafter hätte misstrauisch stimmen müssen… Die Theorie des höchstmöglichen Masses an Entropie kannte Haeckel zwar, verwarf sie aber, weil sie ein Ende des Universums bedeuten würde – wo es doch keinen Anfang hatte… Heute ist die Naturwissenschaft m.W. nicht mehr sicher, ob das Univesum ein geschlossenes System ist, was für Haeckel noch bedingungslos galt.

Wir sehen: Neben ‚hausgemachten‘ Problemen kämpft Haeckel auch mit Problemen der prä-relativistischen Physik, was Die Welträtsel heute allenfalls dem Wissenschafts- und dem Philosphiehistoriker interessant werden lässt.

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