Anton Kuh: Werke. Band 7: Kommentar

Nicht als historisch-kritische Ausgabe seien die Werke konzipiert, sondern als kritische Studionausgabe, so der Herausgeber Walter Schübler in der Editorischen Notiz gleich zu Beginn von Band 7: Eine historisch-kritische Edition, in der die Textgenese dokumentiert und Überarbeitungsspuren im einzelnen vermerkt würden, verbat sich aufgrund der Materiallage von vornherein. Die nämlich sei so, dass nur wenig von Kuh direkt nachgelassen worden sei und sich nun im Österreichischen Literaturarchiv befinde. Selbst während der Arbeit an der Edition, unter der Zusammenstellung aller auffindbaren veröffentlichten Texte Kuhs, seien immer wieder neue Drucke aufgetaucht.

Neben der Editorischen Notiz enthält der Kommentar-Band die Stellen-Kommentare zu den einzelnen Texten. (Auch hier also konnte sich der Wallstein-Verlag nicht entschliessen, seiner vormaligen Vorgehensweise zu folgen, und Stellen-Kommentare gleich unterhalb der jeweiligen Texte zu veröffentlichen. Das macht eine derartige Edition recht unhandlich für Otto Normalverbraucher, der nicht am Schreibtisch einer öffentlichen Bibliothek sitzt, und Textstelle um Textstelle kompiliert, sondern im abendlichen Lehnstuhl am Kaminfeuer, muss er doch im Grunde genommen immer mindestens zwei Bücher nebeneinander geöffnet halten.) Personen- und Werkregister hingegen gehören zu Recht in einen separaten Kommentar-Band, und auch gegen die Register von Druckorten, der Stegreif-Reden, Rundfunk-Sendungen, Personen, Werke, Orte, Institutionen, Periodika, der besprochenen Theater- und Musiktheater-Aufführungen, Bücher und Filme ist nichts einzuwenden in einem separaten Band.

Somit ist (ausser Dank und Glossar) nur noch das Nachwort aufzuzählen vom Inhalt des 7. Bands. Im Nachwort zeigt sich einmal mehr die dünne Materiallage. Wir erfahren weder hier noch in den Stellenkommentaren viel mehr zu Kuhs Leben, als er selber in seinen Texen schon preisgegeben hat. Entweder stand es nur in einem Nebensatz, den ich irgendwo überlesen hätte, oder wir erfahren tatsächlich nie, wie der von Karl Kraus gegen Kuh im Anschluss an Kuhs Stegreif-Rede Der Affe Zarathustras angestrengte Prozess wegen Beleidigung ausgegangen ist. Kuh selber berichtet ja auch nur das eine oder anderes Mal vom Prozess selber; dessen Ausgang erfahren wir bei ihm nicht. Auch über die von Kuh selber geschilderten potenziellen Verschleppungs-Szenarien durch NS-Schergen nach Deutschland erfahren wir nicht mehr, als was Kuh erzählt. Seine Flucht aus dem soeben an Deutschland angeschlossenen Wien wird schon fast in seinen eigenen Worten nochmals geschildert. Da wäre – zumindest theoretisch – noch viel Luft nach oben.

Eines allerdings war für mich neu: der Ursprung der Kuh angeklebten Bezeichnung „Sprechsteller“. Ich ging bis jetzt davon aus, dass es Kurt Tucholsky war, der Kuh in den 1930ern diese Bezeichnung angehängt hatte. Walter Schübler weist darauf hin, dass er bereits 1924 ein „Redsteller“ genannt wurde – von einem gewissen Robert Müller.


Zusammenfassend zu allen 7 Bände der Werkausgabe (2016 bei Wallstein erschienen, knallrote Leinenbände – was gut zu Kuhs Selbstcharakterisierung als Linksler passt): Ich habe mit Anton Kuh einen wachen und präzisen Beobachter seiner Zeit, also vor allem der Zwischenkriegszeit, gefunden. Er sah schon 1918 die Gefahr, die die deutschnational Gesinnten für das um seine anderssprachigen Länder amputierte Österreich bedeuteten. Er sah schon früh die Morde an Rathenau und andern der damaligen rechten Szene unangenehmen Politikern und Intellektuellen vorher. Er war selber offenbar durchaus auch gefährdet, aber das hinderte ihn nicht daran, diese Szene und die Tatsache, dass sie praktisch ungeahndet Fememorde begehen durfte, an den schriftlichen Pranger zu stellen. Kuh war mehr als nur der Lieferant von ein paar Anekdoten und Aphorismen, zu dem man ihn in nostalgischer Verklärung Alt-Österreichs (vulgo: Kakaniens) erklärt hatte. Kuh war die Verkörperung des offenen, kritischen Intellektuellen, der anzuecken sich nicht scheute, und sowohl in Wien, wie in Berlin, ja selbst im New Yorker Exil die ihn umgebenden Zustände kritisierte.

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