Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin: Die Geschichte einer Stadt

Phantastik-geladene Satire oder satirische Phantastik? 1870 veröffentlichte Saltykow (1826-1889) diesen kleinen, aber feinen Roman. Es geht darin um die Geschichte der fiktiven Stadt Dumburg. Saltykow verwendet sprechende Namen, wie man sieht. Dumburg wird von Stadthauptleuten regiert, und der Roman lässt sie alle mehr oder weniger ausführlich Revue passieren. Dies besorgt ein „Chronist“, der die Ereignisse auch mal kommentiert und seinerseits vom „Herausgeber“ kommentiert wird. Beide sind natürlich auktoriale Figuren. Die Stadthauptleute haben Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Manche regieren länger, andere weniger lang. Allen ist gemeinsam, dass sie irgenwo einen Sparren im Getriebe haben, nicht richtig ticken. Bei einem ist dieser Ausdruck sogar wörtlich zu nehmen, es stellt sich nämlich heraus, dass er gar kein Hirn hatte, sondern nur ein Uhrwerk, das ihm erlaubte, ein paar Wörter zu sagen. Oder, besser gesagt, zu schreien. Denn das scheint die primäre Kommunikationsform zu sein, die Vorgesetzte in Russland pflegen: das Schreien. Während so die Stadthauptleute die Ähnlichkeit in der Verschiedenheit pflegen, bleibt die Stadtbevölkerung eine ziemlich amorphe Masse. Teile deren werden ausgepeitscht, hingerichtet – dennoch sehnen sich die Leute sehr rasch wieder nach einem neuen Stadthauptmann, wenn der alte weg gekommen ist. Diese Unbestimmtheit des niederen Volkes geht so weit, dass die Soldaten, die einer der Stadthauptleute in den Feldzug auf den Stadtanger führt, zum Teil durch mannsgrosse Zinnsoldaten ersetzt werden. Es gehört zur Phantastik dieser Satire, dass diese Zinnsoldaten brav mitmarschieren. Zum Schluss allerdings wird es selbst den höheren Mächten zu bunt: Unter der Herrschaft des letzten Stadthauptmannes, Stumpf-Grunzig, gibt es ein gewaltiges Krachen – und die Geschichte stellt ganz einfach ihren Lauf ein.

Man hat Saltykow vorgeworfen, dass er in seinem Roman das Volk allzu passiv und dumm darstelle. Doch es geht hier nicht um eine Satire gegen das despotische und unzurechnungsfähige russische Zarentum. Jedenfalls nicht nur. Saltykow karikiert zeitübergreifend. So greift er implizit zurück auf die Schildbürger, um die menschliche Dummheit als solche zu karikieren. Dass einige Dumme in der Hierarchie oben stehen, und andere unten, ist dabei reiner Zufall. Der Zufall kann auch einmal einen Dummen von unten nach oben spülen, das spielt keine Rolle. Denn die oben sind immer am längeren Hebel. Und selbst, wenn sie urspünglich von unten gekommen sind, vergessen sie das oben praktisch sofort.

Viele Anspielungen auf historische Ereignisse erschliessen sich dem Leser hierzulande, der selten mit der russischen Geschichte im Detail bekannt ist, wohl kaum. Von daher sind die Anmerkungen und das Nachwort, die die beiden Übersetzer, Annerose und Gottfried Kirchner, meiner Ausgabe beigelegt haben, äusserst wertvoll. Diese Ausgabe ist 1994 beim Manesse-Verlag in Zürich erschienen, unter obigem Titel.

 

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