Sinclair Lewis: It Can’t Happen Here [Das ist bei uns nicht möglich]

George Orwells Nineteen Eighty-Four hat nach dem Wahlsieg und der Inauguration von Donald Trump als Präsident der USA die Bestseller-Listen erneut erklommen. Das ist zu einem grossen Teil ein kolossales Missverständnis (worauf implizit schon Kollege Köllerer hingewiesen hat). Orwells Roman ist eine Abrechnung mit dem stalinistischen System der UdSSR im Kalten Krieg. Das Tertium comparationis ist wohl der Newspeak, die Umbenennung der Dinge und Ereignisse, die so fatal an Trumps alternative Fakten erinnert. Ich bin gegenüber dieser Parallele allerdings misstrauisch, vieles an der erneuten Hochstilisierung von Orwells Roman halte ich für Augenwischerei – das Publikum macht sich vor, gegenüber den neuesten Ereignissen in den USA kritische Literatur zu lesen, liest über Orwells skurrile Welt, schliesst das Buch und sagt sich: “Das ist bei uns nicht möglich.”

Dabei gäbe es Besseres, jedenfalls präziser auf die aktuellen US-amerikanischen Verhältnisse und Ereignisse Abgestimmtes – selbst wenn die Romane, die ich meine, noch älter sind als Nineteen Eighty-Four. Da ist einmal Nathanael Wests A Cool Million (hier bereits vorgestellt), in dem der US-amerikanische Traum von der Tellerwäscher-Karriere sehr drastisch karikiert wird, und der bereits 1934 vor dem Auftauchen faschistischer Strömungen in den USA warnte. Und dann ist da nur ein Jahr später It Can’t Happen Here des Literaturnobelpreis-Trägers Lewis – ebenfalls eine Warnung vor der Möglichkeit einer Machtübernahme durch faschistische Politiker in den USA. In Lewis’ Roman sind die Parallelen zu den Ereignissen um die Wahl Trumps noch offensichtlicher: Berzelius “Buzz” Windrip ist zwar Senator seines Staates, geriert sich aber ebenso als Aussenseiter des politischen Systems, wie es Donald Trump tat. Auch Windrip verspricht, in Washington aufzuräumen. Auch Windrip erhält die Unterstützung rechts gerichteter evangelikaler Kreise. Auch Windrip wird gewählt von der Masse schlecht gebildeter, mit schlecht bezahlter oder gar keiner Arbeit versehener weisser Männer. Auch Windrip bedient dabei offen rassistische Vorurteile. Roosevelts ‘New Deal’ hat 1935 noch nicht gegriffen – so, dass Lewis seinen Protaginisten Windrip mit seinen windigen Versprechungen bei der Wahl von 1936 den Sieg über den amtierenden Präsidenten Roosevelt davontragen lässt.

Anders als Donald Trump geht es bei Windrip nach der Inauguration allerdings im wahrsten Sinne des Wortes Schlag auf Schlag. In kürzester Zeit hat er das Parlament aus- bzw. gleichgeschaltet. Dabei helfen ihm seine Schlägertruppen, die Minute Men. Hier orientiert sich Lewis ganz offensichtlich an den Ereignissen in Deutschland, der Art und Weise, wie sich Hitler Zugang zur absoluten Macht verschaffte.

Der eigentliche Held des Romans ist Doremus Jessup – Chefredaktor und Besitzer einer kleinen Zeitung in der Provinz. Lange zögernd, entschliesst er sich zuletzt, den publizistischen Kampf gegen Windrip aufzunehmen. Das kostet einige seiner Familienmitglieder das Leben, bringt ihn selber zeitweise in ein Konzentrationslager. Er kann entkommen und schliesst sich der Untergrund-Opposition an. Das Schlussbild des Romans zeigt ihn, wie er auf einem Pferd gen Norden reitet, um eine weitere Zelle der Opposition zu besuchen:

And still Doremus goes on in the red sunrise, for a Doremus Jessup can never die.

Eine Verherrlichung des kleinbürgerlichen, liberalen Intellektuellen also.


Ironie der Literaturgeschichte: In den 1940er Jahren unterstützte Lewis das America First Commitee, das die USA aus den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs heraushalten wollte. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour kollabierte das Commitee sang- und klanglos; aber Lewis’ Engagement dafür zeigt, dass bei einem Autor die schriftstellerische Intelligenz der privaten oft entgegengesetzt ist und sie übertrifft.

Ironie der politischen Geschichte: Ausgerechnet der Präsident, der in seiner Kampagne und in seinem Verhalten am meisten dem fiktiven Windrip entspricht, hat für seine Kampagne das Schlagwort des America First wieder aufgenommen. Nichts kann wohl Lewis’ schizophrene Situation besser illustrieren.

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