Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften 3

= Robert Musil: Gesamtausgabe Band 3. Herausgegeben von Walter Fanta. Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2017. Enthält Kapitel 1 bis 38 des Zweiten Teils des Mannes ohne Eigenschaften, sowie ein Nachwort des Herausgebers.

Mit dem dritten Band des Mannes ohne Eigenschaften in der historisch-kritischen Ausgabe stossen wir vor in den ursprünglichen zweiten, dessen erste Hälfte – den Teil, den Musil noch (wenn auch, wie man so schön sagt: mit Hängen und Würgen) zu Lebzeiten fertig stellen und veröffentlichen konnte. Wir erfahren in Fantas Nachwort einiges darüber, mit welchen Schwierigkeiten Musil zu kämpfen hatte – u.a. Schreibblockaden ausgelöst durch finanzielle Blockaden des Rowohlt-Verlags, von dessen Vorschüssen Musil in den 1930er Jahren ausschliesslich lebte, und der in jenen Tagen selber beinahe Bankrott ging. Wir erfahren auch, dass vieles vom Inhalt des zweiten Teils, überschrieben mit Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher), von Musil bereits geschrieben / konzipiert war, lange bevor er mit dem ersten Teil begonnen hatte. Es stellt sich also die Frage, ob man guten Gewissens sagen kann, dass der Autor für den zweiten Teil einige neue Figuren einführt, oder ob man sagen müsste, dass er im ersten Teil nachträglich auf einige Figuren verzichtete. Da ist vor allem der Lyriker und Pazifist Feuermaul zu nennen, der Musil Gelegenheit gibt, ästhetisch-politische Diskussionen vom Zaun zu reissen. Nicht, dass wir Feuermaul direkt hören könnten – er wird immer nur im Spiegel anderer Personen geschildert, vor allem General Stumms, der sich dadurch, dass er eigentlich nichts von dem versteht, was geredet wird, hervorragend dafür eignet, die Diskussionen (ironisch gebrochen) zu schildern.

Wir haben im zweiten Teil gegenläufige Bewegungen vor uns: Extrinsisch Musils Arbeit, die zusehends langsamer voran kommt, zusehends mühsameres Feilen an Details wird; intrinsisch die geschilderten Ereignisse, die Tempo aufnehmen, indem Musil seine essayistische Schreibtechnik von Teil 1 zügelt und wieder Handlung stattfinden lässt. Nicht aber, dass der Leser, die Leserin, nun einen actionreichen Thriller erwarte! Auch so noch entwickeln sich die Geschehnisse gemächlich und oft seltsam genug.

Ulrich trifft im Hause seines verstorbenen Vaters auf Agathe, seine Schwester. Das Geschwisterpaar hat sich bisher nur selten gesehen, der Vater hat die beiden (als erzieherische Massnahme) schon als Kinder getrennt und in unterschiedliche Institutionen gegeben. Es entwickelt sich rasch ein vertrautes Verhältnis, ja eine Liebesgeschichte. Ulrich und Agathe empfinden sich als Siamesische Zwillinge, die wieder zu einander gefunden haben. (Die Anklänge an die Platonische Theorie des Eros, die Sokrates im Symposion entwickelt hat, sind zuerst unterschwellig. Weil Musil aber nicht nur ein guter, sondern ein ausgezeichneter Schriftsteller ist, lässt er Ulrich und Agathe sich deren rasch bewusst werden und sie sogar miteinander diskutieren. Da wir uns immer noch in der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bewegen, steht als Folie dieser Platon-Rezeption – ungenannt und im Hintergrund, aber doch deutlich genug – Otto Weiningers Theorie aus Geschlecht und Charakter, wonach in jedem Lebewesen sowohl männliche wie weibliche Anteile zu finden sind. Vor allem Agathe weist denn auch ganz offensichtliche androgyne Züge auf, ohne deswegen unweiblich zu sein.)

Die sanfte Ironie, mit der Musil diese Thematik behandelt, zeigt sich schon in der Namensgebung seiner Figuren. Nicht Ulrichs Schwester heisst Diotima, wie die Hetäre, die Sokrates den platonischen Eros gelehrt hatte, sondern die Gesellschaftsdame und Gattin Tuzzis. Die wiederum geht eine Liaison mit Arnheim ein, die aber letzten Endes nicht konsumiert wird; Madame Tuzzi kehrt zu ihrem Gatten zurück. (Was wiederum an eine andere Diotima erinnert – die Geliebte Hölderlins, die den schwäbischen Dichter in etwa so behandelte wie Musils Diotima ihren Arnheim.) Und obwohl – oder gerade weil – sie den sexuellen Verlockungen nicht folgt, liest Musils Diotima in diesem zweiten Teil des Mannes ohne Eigenschaften jede Menge sexualwissenschaftlicher und physiologischer Literatur, deren Inhalt sie in einer Art intellektuellen Brechreizes sofort wieder über ihre Freunde ergiesst. Übersexualisiert, aber ohne Mut. Agathe ihrerseits trägt zwar auch einen griechischen Namen, aber jene Heilige, nach der sie benannt ist, war eine junge Frau, die sich für ihren Jesus aufsparen wollte. Die Verweigerung einer Heirat mit einem hohen römischen Beamten führte dazu, dass man ihr die Brüste abschnitt. Nun wird Agathe von Musil zwar nicht gerade als vollbusig beschrieben, und sie weigert sich auch, zu ihrem Mann zurück zu kehren – aber eine Heilige ist sie nicht. Sie fälscht sogar das väterliche Testament, um ihrem Gatten eine dort für ihn hinterlassene Summe Geldes zu entziehen.

Und die Parallelaktion? Ach ja – die findet zu einem Höhepunkt. Nämlich der Übernahme durch völkische Elemente.

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