Greg Graffin: Anarchie und Evolution

So ganz klar ist mir auch nach Abschluss des Buches nicht, was mir Graffin da mitteilen wollte: Vielleicht wäre der englische Titel auch besser mit „anarchische Evolution“ übersetzt worden. Aber selbst dann ließe sich (zumindest aus diesem Buch) kaum die Bedeutung dieses Anarchischen für die Evolution festmachen.

Graffin lehrt an einer Universität in Los Angeles Evolutionsbiologie und ist Frontmann einer Punkgruppe namens „Bad Religion“ (von der ich zugeben muss, noch nie etwas gehört zu haben: Die Youtube-Mitschnitte konnten mich nicht davon überzeugen, dadurch etwas versäumt zu haben). Für den Autor bestehen hier Zusammenhänge: Sowohl dem kreativen Element des Punks als auch der natürlichen Selektion haftet etwas Zufälliges (Anarchisches) an, ein etwas, das nach Meinung des Autors in seiner Wichtigkeit in der Evolutionstheorie verkannt wird. Dabei fußt seine „Argumentation“ (wobei dieser Begriff hier nicht zufällig in Anführungszeichen gesetzt ist: Von einer wissenschaftlichen Argumentation kann nicht wirklich gesprochen werden, Graffin verleiht vielmehr seiner Meinung Ausdruck – und das in eher erzählerischer Manier) auf den zahlreichen kontingenten Ereignissen, die die Evolution beeinflussen als auch auf die seiner Ansicht nach unterschätzte Bedeutung der sexuellen Selektion. Das kann man so sehen, bedarf aber zu einer wissenschaftlichen Fundierung einer alternativen, faktenbasierten Aufarbeitung.

Vieles im Buch geht aber in eine ganz andere, eher lebensphilosophische Richtung: So betont er die Wichtigkeit eines monistischen, naturwissenschaftlichen Weltbildes, das aber keineswegs einen ethischen Nihilismus nach sich ziehen müsse, sondern – aufgrund der dem Leben zugesprochenen Bedeutung – sogar ein mehr an Verantwortung nach sich ziehe. Oder dass es wichtig sei, Autoritäten zu hinterfragen, dass wissenschaftliche Arbeit Phantasie und Kreativität erfordere und die gewonnenen Erkenntnisse im Gegensatz zu den dogmatischen Vorgaben der Religionen sehr viel faszinierender seien. Das sind – wenigstens in weiten Teilen Europas – Binsenweisheiten, in den USA muten solche Ansichten eher revolutionär an. Und immer wieder wird der antiautoritäre, antidogmatische Brückenschlag zwischen Punk und Wissenschaft vollzogen, wird die Tätigkeit des Songwriters mit dem des Forschers verglichen.

Manches – möglicherweise ebenfalls bedingt durch die us-amerikanische Herkunft des Autors – berührt sonderbar: So glaubt Graffin sich von einer dezidiert atheistischen Haltung distanzieren zu müssen (Atheist gilt in den USA noch sehr viel stärker als Schimpfwort denn hierzulande), weil diese eine bloße „Anti-Haltung“ sei und damit wenig konstruktiv. Das ist natürlich kurzsichtiger Nonsens: Es ist nicht im mindesten einzusehen, warum solche „Anti-Haltungen“ nicht sinnvoll und produktiv sein könnten. Wer sich gegen Rassismus, Sexismus, Chauvinismus (etc. – ad infinitum) wehrt ist nicht minder „konstruktiv“ als der diese Dinge Behauptende. Entscheidend ist die Offenheit für Kritik des Standpunktes, für eine rationale Diskussion desselben. Graffin wird hier Opfer des pejorativ besetzten Atheismus-Begriffes, er glaubt Offenheit gegenüber Religionen zelebrieren zu müssen und deren Unvereinbarkeit mit der Wissenschaft im allgemeinen (und der Evolution im speziellen) ausblenden zu können. Dies kommt auch in Sätzen wie „[…] gehe ich davon aus, dass der Atheismus keine logische Folge des Studiums der Evolution ist“ zum Ausdruck: Denn das ist Wunschdenken; bemüht man sich um ein logisch-konsistentes Weltbild, so sind so gut wie alle mir bekannten Religionen mit dem Evolutionsgedanken absolut inkompatibel. Dies alles ist beispielhaft für eine falsch verstandene Toleranz: Denn diese darf nicht mit Standpunktslosigkeit einher gehen noch sich klarer Aussagen entschlagen. Toleranz um der Toleranz willen wird zu substanzlosem Gefasel, das sich um klare (wenn auch natürlich nicht kritikimmune) Positionen drückt.

Möglicherweise findet das Buch in den USA zahlreiche interessierte Leser: Ich hingegen fand mich nicht im Zielpublikum. Einige Weisheiten mit Sonntagspredigtcharakter, viele Banalitäten und wenig wirklich konsequent zu Ende geführte Gedanken. Aber ich habe ein bisschen was über Punk gelernt (obschon ich das wohl auch billiger hätte haben können).


Greg Graffin: Anarchie und Evolution. Glaube und Wissenschaft in einer Welt ohne Gott. München: riva-Verlag 2011.

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