Die Reise in den Westen

Grob gesagt, kann man diesen Text auf zwei Arten lesen:

1) Da ist zuerst die Lektüre als philosophisch-religiöse Anleitung zu einem besseren Leben. (Eine scharfe Trennung zwischen Philosophie und Religion war in China nicht gegeben.) Allegorisch wird in Begriffen des traditionellen chinesischen Glaubens mit der Reise des Mönchs Xuansang der Weg der Läuterung beschrieben. Xuansang, bestürzt über die mangelnde Kenntnis buddhistischer Schriften, wird vom Kaiser Chinas zu Beginn der Tang-Dynastie nach Indien geschickt, um von dort Schriftrollen mit den Schriften Buddhas herbei zu bringen. Er wird dabei von seinen drei Schülern unterstützt: Sun Wukong (einem steinernen Affen), Zhu Bajie (einer Mischung aus Schwein und Mensch) und Sha Wujing (Sandmönch, einem Wasserdämon). Alle Geschehnisse unterwegs, und manchmal auch kleine Details wie die Aufstellung eines Heeres, enthalten Anspielungen auf buddhistische oder daoistische Schriften, darunter vor allem und immer wieder das Buch der Wandlungen, I Ging. Diese Vorgehensweise erinnert an das ebenso allegorische Buch The Pilgrim’s Progress von John Bunyan. Wenn in The Pilgrim’s Progress das zum christlichen Heil führende Leben allegorisierend dargestellt wird, so ist es in der Reise in den Westen das buddhistische Heil, das angestrebt wird. Anders als bei Bunyan, der eine historisch festmachbare Gestalt ist, wissen wir allerdings vom Autor der Reise in den Westen nichts. Die Lektüre als philosophisch-religiöse Anleitung verlangt vom Leser vertiefte Kenntnis der drei grossen Religionen Chinas. Denn, auch wenn letzten Endes das buddhistische Heil angestrebt wird, finden wir doch immer wieder Mahnungen, dass auch Dao (der Weg) und sogar die Lehren des Konfuzius keineswegs vernachlässigt werden sollen. So werden auch daoistische Schriften gern herangezogen. Die Übersetzerin, Eva Lüdi Kong, hilft dem unbedarfteren Leser allerdings grosszügig: Sie liefert uns nicht nur ein Nachwort, sondern auch eine Übersicht über das Pantheon der Reise in den Westen (ein Götterreich, das dem chinesischen Kaiserreich ähnelt, und sei es nur darin, dass selbst unter den Göttern alles nach Rangstufen geordnet ist und alle Abläufe sehr bürokratisch geregelt sind – ohne höheren Auftrag dürfen die Regengötter zum Beispiel nicht Regen machen), sowie ein Namensregister – ein Verzeichnis der Gottheiten – um den Überblick einigermassen behalten zu können. Last but not least finden wir auch zusätzliche Erklärungen in sehr präzisen Fussnoten, denen man die Sinologien, die Eva Lüdi Kong ist, sehr gut anmerkt. (Ohne, dass sie allerdings mit allzu grosser Gelehrsamkeit prunkt.) Selbst über die traditionelle chinesische Medizin, die eng mit der traditionellen chinesischen Weltanschauung zusammenhängt, erfahren wir so einiges.

2) Die Lektüre als philosophisch-religiöse Anleitung ist eine Form der Lektüre, die möglich ist – wohl auch die von den ursprünglichen Verfassern vorgesehene. Allerdings ist es heute selbst in China so, dass eine andere, weltliche, überwiegt: Die Lektüre als Abenteuerroman. Wir haben die Queste, wir haben die Abenteuer. Immer wieder geraten unsere fünf Pilger (das Pferd des Mönchs ist auch einer, eigentlich ein Flussdrache, der ebenso die Erlösung sucht, wie die vier mehr oder weniger menschlichen Reisenden) in die Bredouille. Immer wieder stossen sie auf Dämonen, die es vor allem auf Xuansang abgesehen haben, scheint doch der kleine Mönch trotz rein vegetarischer Kost ziemlich feist zu sein. Ausserdem hat er bereits einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht, nie (offenbar auch nicht in früheren Inkarnationen) einen Tropfen seiner Yang-heit vergeudet (sprich: er hatte nie Sex, und er onaniert nicht), so dass schon ein Bissen von seinem Fleisch seinem Verzehrer die Unsterblichkeit verleihen würde. Hier ist es vor allem der eigentliche Star der Truppe, Sun Wukong, auch Pilger Sun oder Herzaffe genannt, dem es gelingt, die andern zu retten – und sei es nur durch seine guten Beziehungen zu Göttern, die er als Hilfstruppen zu organisieren vermag.

2a) Obige beiden Lektüremöglichkeiten findet man in diversen Besprechungen, auch im Internet. Mir persönlich gefällt allerdings eine dritte, auch durchaus weltliche, noch besser: Die Reise in den Westen kann nämlich auch als Schelmenroman gelesen werden. Pilger Sun als der Hauptschelm, um ihn herum viele komische Ereignisse, die mehr oder weniger durch ihn provoziert werden. Da werden Xuansang und Zhu Bajie schwanger, weil sie vom Wasser eines verzauberten Flusses getrunken haben. Da fällt Xuansang so manches Mal vom Pferd, weil er sich vor lauter Angst nicht oben halten kann, wenn er erfährt, dass abermals irgendwelche Dämonen der Truppe auflauern. Pilger Sun schlägt, bevor er sich zum buddhistischen Heilsweg bekehrt, den ganzen schönen daoistischen Himmel kurz und klein, und kann nur in extremis davon abgehalten werden, den Jadekaiser (die oberste daoistische Gottheit) ab- und sich an seine Stelle zu setzen.

Das Ganze ist auch sprachlich süffig geschrieben. Ob, wie aus offenbar sinologischer Ecke bemängelt, Fr. Lüdi Kong tatsächlich manchmal zu unpräzise übersetzt hat, kann ich natürlich nicht beurteilen. In der vorliegenden Form ist der Roman aber sicher sowohl dem an der alten chinesischen Kultur Interessierten dienlich, wie jemandem, der einfach eine spannende und spassige Geschichte lesen will.


Die Reise in den Westen. Ein klassischer chinesischer Roman. Mit 100 Holzschnitten nach alten Ausgaben. Übersetzt und kommentiert von Eva Lüdi Kong. Stuttgart: Reclam, 2016. [Die Übersetzerin erhielt für dieses Werk 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung]

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