Neil Gaiman: American Gods

Man ist seinem Ruf ja etwas schuldig – weshalb ich zuerst darauf hinweisen will, dass die Lektüre von American Gods bereits geplant war, bevor ich erfuhr, dass eine TV-Serie über das Buch gedreht werden sollte. Denn schon seit einiger Zeit nahm es mich wunder, was es denn mit diesem piece of shit (shit das vielleicht am meisten von Gaimans Protagonisten verwendete Substantiv ausser god), das bei seinem Erscheinen 2001 so ziemlich alle namhaften Preise abräumte –

[…] it was given a number of awards including the Nebula and the Hugo awards (for, primariliy, SF) the Bram Stoker award (for horror) the Locus award (for fantasy) […] (Neil Gaiman in seiner “Introduction to this text”)

und seinem Autor, den ich irgendwo unter den 20 wichtigsten lebenden Autoren der Postmoderne aufgeführt fand, so auf sich hatte.

Schon gleich zu Beginn lässt sich eine Qualität des Autors feststellen: Er zögert nicht lange, geht mitten in die Handlung – was den Leser packt und immer wieder dazu drängt, weiter zu lesen. (Die Handlung selber kann der Interessierte / die Interessierte in jeder Wikipedia nachlesen.) Vieles, was man bei der aktuellen Lektüre zwar fasziniert, aber doch kopfschüttelnd als Exkurs wahrnimmt, zeigt beim weiteren Lesen einen Sinn, ja erweist sich als konstituierend für die Geschichte.

Auch die postmodernen Qualitäten des Autors sind präsent. Die Geschichte ist ein Mash-Up verschiedener kultureller Strömungen. Da sind nicht nur die alten Götter, die aus praktisch jedweder möglichen Kultur stammen. Da sind Gedichtfetzen (u.a. ist mir ein Gedicht von Robert Frost aufgefallen) oder Liedfetzen. Der Protagonist, Shadow, ist ein auf Bewährung entlassener Sträfling, der in der Haft ausgerechnet Herodot gelesen hat, und nun auch immer mal wieder daraus zu zitieren weiss.

So weit, so gut. Aber trotz aller Qualitäten hat mich das Buch zum Schluss unbefriedigt stehen lassen. Es dauerte einen Moment, bis ich herausgefunden hatte, warum. Die Fähigkeit des Autors, alle Ecken und Enden seines Texts zusammen zu nähen und in einander zu passen, ist nämlich schlicht – zu gross. Die Story ist glatt geschliffen wie eine Marmorkugel. Aber das Wasser meines Interesses perlt daran ab. Das Ende der Geschichte ist ebenfalls unbefriedigend, weil es nur erreicht werden konnte, indem einer der Protagonisten sozusagen umgepolt wurde. Zugegeben, es war eine Umpolung mit Ansage, und hier ist es vielleicht eher meine Faulheit als Leser, die mich solche Umpolungen als störend empfinden lassen.

Last but not least: Wir finden in American Gods jede Menge alte und neue Götter. Die neuen (u.a. Internet und Media) nun sind im wahrsten Sinne des Wortes blutleer gezeichnet. Das mag an der Perspektive des Romans liegen und Absicht sein, sind sie doch die Gegner des Protagonisten Shadow, aus dessen Sicht wir die meisten Ereignisse erfahren. Dass bei den alten Göttern neben germanischen auch ägyptische, afrikanische, alte japanische mitmischen, aber keine antik-griechischen, lässt sich noch erklären aus der Tatsache, dass gemäss Gaiman die alten Götter alle von Einwanderern in die USA geschleppt worden sind – und aus dem alten Griechenland ist bekanntlich niemand in den neuen Kontinent gereist. Wer aber wirklich fehlt in Gaimans Pantheon, ist der eine Gott, der bis heute das Leben in den USA prägt: Wohl wird in einem Nebensatz von einem der alten Götter erwähnt, er habe neulich Jesus als Autostopper in Afghanistan angetroffen, und kein Schwein habe sich um ihn gekümmert – aber ansonsten glänzt der jüdisch-christlich-muslimische Allvater durch Abwesenheit. Es ist, als ob es ihn nicht gäbe in den heutigen USA, nie gegeben hätte. Im Laufe der Lektüre irritierte mich das zusehend; es kommt mir vor, wie wenn in einem Bild die Haut und die Konturen der abgebildeten Menschen mit Photoshop geschönt worden wären.

Was sich über lange Strecken als eine Hommage an die ländlichen USA (und das von einem Engländer!) angefühlt hatte, an eine Idylle irgendwo im Zentrum des Landes, wurde zwar vom Autor wieder zerstört. (Die Idylle war das Resultat des Wirkens eines kleinen deutschen Gottes, der sich für seinen Schutz ausbedungen hatte, jedes Jahr ein Kind aus der Stadt töten zu dürfen.) Aber die Geschichte hat keine Risse, anhand derer ich tiefer in sie eindringen könnte.

Fazit: Gute Unterhaltung. Mehr nicht. Fantasy: Ja. Horror oder Science Fiction: Nein.


Gelesen habe ich the author’s preferred text (eine 2004 publizierte Version, die um etwa 12’000 Wörter länger ist als die Originalversion, die seinerzeit all die Preise einheimste), erschienen 2017 bei der Folio Society.

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