Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit

Als Kopernikus vor 500 Jahren das geozentrische Weltbild entsorgte, war man sich nicht ansatzweise bewusst, wie unwiderruflich der Mensch aus dem Zentrum des Kosmos verbannt werden würde: Denn weder Sonne noch unsere Galaxie können irgendeine Form eines Sonderstatus für sich beanspruchen. Ein durchschnittlicher Stern und eine Milchstraße, deren Zukunft darin besteht, ein Teil des Andromedanebels zu werden.

Insofern ist es legitim, nach der Einzigartigkeit des „Uni“-versums zu fragen und die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass es auch mit dieser Einzigartigkeit nicht weit her ist. Genau das tut Greene in diesem Buch: Er analysiert die verschiedenen Multiversums-Konzepte – von Patchwork-, Branen-, Quanten- und Landschaftsmultiversen über zyklische, inflationäre und holographische Varianten bis zu einem simulierten Computer-Multiversum und einem „letztmöglichen“ (das von der Theorie ausgeht, dass alles, was irgend möglich ist, auch verwirklicht würde). Es steht mir als Laien nicht zu, vor allem die auf – vorgeblich – physikalischen Erkenntnissen basierenden Entwürfe zu kritisieren: Allerdings konnte mir der Autor die Plausibilität seiner Konstruktionen in kaum einem Fall einsichtig machen. Wobei mir selbstverständlich bewusst ist, dass der gemeine Menschenverstand kein guter Ratgeber ist bei einer solchen Prüfung. Gerade die Physik des ganz Kleinen und ganz Großen pflegt seit gut 100 Jahren mit Theorien aufzuwarten, die diesem Menschenverstand Hohn sprechen.

Trotzdem – mir war das zuviel an Spekulation. Während ich Greenes Buch über den „string“enten Aufbau unserer Welt (Das elegante Universum) mit großem Vergnügen gelesen habe (auch die Stringtheorie leidet unter dem für die Physik nicht unerheblichen Problem, sich einer empirischen Überprüfung weitgehen zu entziehen), so gelang es ihm in diesem Werk nicht, mich auch nur für eine seiner Multiversums-Varianten einzunehmen. Es bedarf einfach zu vieler (noch zu begründender) Vorannahmen (etwa das Inflaton-Feld oder die Existenz von Branen), um darauf sinnvoll eine wenn auch noch so phantasievolle Theorie aufzubauen. Der Versuch, einzelne Teile durch mathematisch Exkurse einsichtig zu machen, dürfte auf diesen Mangel an empirischen Daten zurückzuführen sein (für manche Konzepte ist es sogar theoretisch unmöglich, einen Beweis zu führen): Damit soll eine Seriosität suggeriert werden, die diesen Theorien einfach nicht zukommt.

Selbstverständlich sind solche Untersuchungen trotzdem berechtigt (schon aus der Tatsache heraus, dass sich viele höchst phantastisch anmutende Ansichten in der Wissenschaftsgeschichte als so ganz falsch nicht herausstellten): Hier aber fehlt den Spekulationen (etwa im Gegensatz zur Stringtheorie) die Fundierung, die Glaubwürdigkeit. Oder besser: Diese ist aus der gegebenen Darstellung nicht zu entnehmen. Die philosophische Version des „letztmöglichen Multiversums“ mag stellvertretend sein für manche, etwas billig anmutende Gedankengänge: Denn ein solches würde schließlich und endlich gar nichts erklären, es bleibt beim bloßen Postulat und die Untersuchung eines jeden Universums müsste schlicht genau jene Ergebnisse zeitigen, die erzielt werden. Das ist denn doch unergiebig – und bei den meisten anderen Konzepten verhält es sich nicht anders. Science Fiction mit einem verqueren Anspruch von Wissenschaftlichkeit, die mich enttäuscht hat.


Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit. Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos. München: Siedler 2012.

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