Peter Ackroyd: The Life of Thomas More

Thomas Morus ist der Furunkel am Gesäss der englischen Kultur. Jedesmal, wenn sie sich bequem hinsetzen und sich ihrer (zweifellos vorhandenen) grossen Verdienste erfreuen will, wird sie unangenehm daran erinnert, dass da einmal einer war, der bis heute zu den ganz grossen ‘Kulturschaffenden’ gezählt wird, dem aber ein König aus Machtgier und Geilheit den Kopf abschlagen liess. Kein Wunder, versuchen sich immer wieder Autoren an der Darstellung dieses Manns und seiner Werke.

Peter Ackroyd beginnt seine Biografie mit zwei Caveats. Kindheit im Mittelalter, hält er fest, war nichts Unglückliches. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Glauben, dass erst seit der Romantik der Mensch auch Kind sein könne, sei das schon zu Mores Zeiten so gewesen. Kinder spielten; Kinder spielten in den Strassen. Thomas More spielte; er spielte in den Strassen von London. Und er nahm die Spiele seiner Kindheit wieder auf, als er zu jener Gruppe von Neuerern gehörte, die das Lernen auf neue Füsse stellen wollten. Die verlangten nämlich nicht nur, dass Altgriechisch dem Curriculum der Studenten beigefügt werden solle. Sie kümmerten sich auch um die Ausbildung der Kinder. More selber gründete zwei oder drei Schulen, davon die eine bei ihm zu Hause. Dort lernten die Jungen z.B. das Alphabet, indem sie mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben schossen, denen Buchstaben angeheftet waren.

Der Begriff ‘Humanismus’, unter den More normalerweise subsummiert wird, ist nach Ackroyd ein sehr schlecht und vage definierter Begriff. Die Gruppe Gelehrter, die man heute unter diesem Namen zusammenfasst, war nur locker organisiert. In ihrer Weltanschauung waren oft erhebliche Unterschiede zu finden. Mores Denken z.B. war ausgesprochen patriarchalisch. Sein Leben lang verehrte er seinen Vater. Es war wohl auf des Vaters Wunsch, dass Thomas ein Studium an der University of Oxford nach zwei Jahren abbrach, nach London zurückkehrte und dort eine Ausbildung und Laufbahn als Jurist und Verwaltungsbeamter übernahm. Andererseits waren die väterlichen Gebote von Thomas More so stark internalisiert worden, dass dies sicher auch seinen eigenen Wünschen entsprach. Mores patriarchalisches Denken schloss auch Staat und Gesellschaft ein. Er kannte Augistins Gottesstaat, der für ihn zeit seines Lebens das anzustrebende Ideal vorstellte. Es gab für ihn über der väterlichen Autorität also noch eine göttliche, die in der katholischen Kirche verkörpert war. Somit war für More der Supremat des Papstes über den König von England nicht nur eine staatsrechtliche Konvention, die auch anders herum gehandhabt werden könnte. Er war konstituierend für seine Welt. Als Martin Luther die individuelle Entscheidung in Sachen Glauben über die Aussagen von Papst und Kirche stellte, bedeutete das für More im wahrsten Sinne des Wortes das Ende der Welt. Zusammen mit dem Vordringen des Osmanischen Reichs in Osteuropa war Luther für ihn ein Vorbote der Apokalypse. Deshalb freute er sich über den Tod Zwinglis in einer der ersten Kriege zwischen Reformierten und Katholiken; deshalb bekämpfte er rigoros das Verfassen oder das Einführen ‘subversiver Literatur’. Wer als Verfasser oder Schmuggler von protestantischem Schrifttum oder Bibelübersetzungen erwischt wurde, hatte mit Strafen bis hin zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zu rechnen – und More liess einige solcher Todesurteile ausführen. Deshalb sein Entsetzen, als sich König Henry VIII. von andern Ratgebern und Juristen überzeugen liess, dass der Herrscher über England auch der völlige Herrscher über die englische Gesetzgebung und die Kirche in England sein müsse.

Dabei gab es auch eine Seite in Thomas Morus, die sehr skeptisch und ironisch sein konnte. Er lebte sie sogar als junger Mann eine Zeitlang schriftlich aus. Er beschäftigte sich mit dem grossen Skeptiker Pico. Er übersetzte zusammen mit seinem Freund Erasmus den spätantiken Spötter Lukian. (Zugegeben: Erasmus trug den Hauptteil der Last.) Er verfasste eine Biografie von Richard III. Die wurde zwar erst nach seinem Tod veröffentlicht, war aber einer der Vorwürfe für Shakespeares gleichnamiges Drama. Er beschäftigte sich mit Platons Staat und verfasste mit Utopia ein eigenes staatstheoretisches Werk. Ackroyd weist zu Recht darauf hin, dass gerade Utopia ein Ausdruck der ironischen Schreibweise ist, wie sie More gerne pflegte – man also die darin ausgedrückten staatstheoretischen Gedanken keinesfalls 1:1 auf den Autor More zurückführen dürfe. More hätte einem nicht-katholischen Staatswesen nie zustimmen können.

Peter Ackroyds Werk gibt eine gute Einführung in das Denken und das Leben Mores. Er ist kritisch genug; allerdings will mir scheinen, dass gewisse Aspekte in Mores Denken und Leben noch kritischer hätten hinterfragt werden müssen. Gerade bei einem so komplexen Denker wie More, das aus Teilen zusammengesetzt scheint, die wir heute als inkompatibel bezeichnen würden, lohnte es sich wohl, mehr als eine Biografie zu lesen. Was ich vielleicht noch nachholen werde.

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