Haruki Murakami: Kafka am Strand

Wer Haruki Murakami für einen grossen Autor hält, wird auch Hesse für einen solchen halten. Oder Coelho. (Oder, wie Userin Anna in unserm Forum vorschlug, Zafón. Zafón habe ich nie gelesen. Wobei Hesse dann doch in einer höheren Liga spielt.) Ich erkläre mich:

Kafka am Strand besteht aus 2½ parallelen Handlungssträngen. Da ist die Geschichte eines 15-jährigen, der die Schule schwänzt und von zu Hause ausreisst. Er lebte nur mit seinem Vater zusammen; Mutter und Schwester haben die Familie verlassen, als er noch sehr klein war. Warum? Als Grund gibt ihm der Vater einen ‚Fluch‘ mit ins Leben: Er, Tamura junior, werde eines Tages ihn, Tamura senior, ermorden und mit Mutter und Schwester schlafen. (Gymnasiasten und Literatur Studierende des ersten Semester erkennen natürlich sofort Ödipus.) Grund genug für Tamura junior, abzuhauen. Er reist mit dem Fernbus von Tokio in den Westen. Er nennt sich ‚Kafka‘, weil ‚Kafka‘, so hat er gehört, auf Tschechisch ‚Krähe‘ bedeute (ich kann kein Tschechisch) und er einen imaginären Freund namens ‚Krähe‘ hat, der ihm von Zeit zu Zeit Gott, die Welt und die Frauen erklärt. À propos: Bei jeder Frau, die er unterwegs sieht, fragt er sich natürlich, ob das seine Mutter oder seine Schwester sein könnten. Er übernachtet bei einer jungen Frau (in der er natürlich sofort seine Schwester vermutet – Grund genug für ihn, am Morgen wieder abzuhauen). Dann trifft er in Takamatsu ein, einer kleinen Stadt an der Westküste, wo er ‚zufälligerweise‘ die Komura-Gedächtnisbibliothek findet. Der junge Mann am Empfang nimmt ihn freundlich auf. Nach einem kurzen Gespräch, natürlich über Kafka und dessen Werke, darf er dort im Lesesaal bleiben. Der Junge installiert sich und liest als allererstes die Geschichten aus 1001 Nacht in – und das wird explizit und mehrfach gesagt – der Übersetzung von Burton. Später zeigt ihm Oshima (der junge Mann vom Empfang) das Haus, in dem sich die Bibliothek befindet. Es handelt sich bei diesem Haus ursprünglich um die Dépendance des Landsitzes einer Mäzenen-Familie, wo jeweils Autoren über kürzere oder längere Zeit sich aufhalten durften, um ihre Werke zu schreiben. Eine weitere Gelegenheit für Kafka Tamura und Oshima (und natürlich den Autor!) zum Name-Dropping. So soll auch Tanizaki Jun’ichirō (er wird ein bisschen anders buchstabiert) dort gearbeitet haben. Kafka Tamura bleibt in der Bibliothek, wird eine Zeitlang sogar dort wohnen. Er hat sich mit Oshima angefreundet und lernt kurze Zeit später auch die Leiterin kennen, Frau Saeki. Der 15-Jährige verliebt sich in die bedeutend ältere Frau. (Sie könnte seine Mutter sein. Kafka Tamura vermutet, dass sie es ist. Das hindert ihn nicht daran, mit ihr zu schlafen.) Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass Oshima nicht einfach ein junger Mann ist, sondern eine männliche Seele gefangen in einem Frauenkörper, einem Frauenkörper, der aber z.T. dysfunktional ist: Oshima hat zeitlebens nicht menstruiert, seine Klitoris ist voll funktionsfähig, aber Geschlechtsverkehr übt er anal und nicht vaginal aus – der junge Mann in einem Frauenkörper steht nämlich auf Männer. Das wird dem Leser in aller Ausführlichkeit von Oshima selber erzählt. Man fragt sich, warum. Oshimas Transsexualität spielt im ganzen Roman keine Rolle. Dafür wird in Tokio Kafka Tamuras Vater tatsächlich ermordet. Obwohl der Bub unschuldig sein muss (er hat ein Alibi), beschliesst Oshima, dass es besser für ihn sei, wenn er sich ein paar Tage in einer kleinen Hütte im Wald versteckt, die ihm und seinem Bruder gehört. In diesem Wald findet Kafka Tamura den Eingang in eine andere Welt – eine Art Paradies der Toten. (Das Ganze aus Picknick am Wegesrand geklaut.) Somit hat Kafka Tamura seine Reise beendet, und er fährt zurück nach Tokio, nach Hause, um weiter die Schule zu besuchen.

Der zweite Handlungsstrang betrifft Nakata, einen ungefähr 60-jährigen Schwachsinnigen. Nakata hat den geistigen Entwicklungsstand eines 3-Jährigen. Er kann weder lesen noch schreiben und spricht von sich immer in der dritten Person. Seine magere Invalidenrente bessert er auf, indem er in der Nachbarschaft verlorene Katzen sucht und zurückbringt. Nakata kann sich nämlich mit den Katzen unterhalten. Eines Tages spricht ihn allerdings ein Hund an und führt ihn zu einer Johnny-Walker-Impersonifikation. Dieser Johnny Walker tötet auf sadistische Art Katzen. (Die sehr detaillierte Beschreibung aus Schilderungen mittelalterlicher Ketzer-Hinrichtungen geklaut.) Dadurch wird Nakata so aufgestachelt, dass er Johnny Walker (oder ist es Tamura senior?) ersticht. Später wird sich Nakata, der im selben Quartier Tokios wohnte wie die Tamuras, ebenfalls in den Westen begeben. Da er nicht lesen kann, kann er weder Zug noch Bus fahren. Statt dessen reist er als Autostopper. Sein letzter Fahrer, Hoshino, wird bis zur Ankunft in Takamatsu bei ihm bleiben (Takamatsu, wo unterdessen Kafka Tamura seine Bibliothek schon mit der Waldhütte vertauscht hat – die beiden Protagonisten des Romans werden einander nie persönlich begegnen, obwohl Nakata und Hoshino die Bibliothek besuchen). Nakata hat nämlich eine Aufgabe übernommen: Er muss den Öffnungsstein finden und die Öffnung öffnen und wieder schliessen. (Das muss man nicht verstehen. Nakata versteht es selber nicht.) Es ist ein Zuhälter, der aussieht wie Colonel Sanders (eine hierzulande unbekannte Werbefigur der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken), sich auch so nennt, der Hoshino den Stein weist. Als Gegengeschäft bucht Hoshino bei ihm eine Prostituierte, die sich als Studentin der Philosophie entpuppt und beim Koitus Bergson und Hegel zitiert.

Der ‚halbe‘ Erzählstrang betrifft die Kindheit Nakatas. Im Zweiten Weltkrieg gehörte Nakata zu einer Gruppe von Jungen, die aufs Land gebracht wurden. Er ging dort zur Schule. Eines Tages machte die Lehrerin mit den Jungen einen Ausflug in den Wald, um Pilze zu sammeln. Sie sehen weit oben im Himmel ein silbernes Ding, das sie nicht identifizieren können. Plötzlich fällt die ganze Klasse für längere Zeit in Ohnmacht. (Aus The Midwich Cuckoos geklaut.) Später allerdings erwachen die Jungen wieder – alle, ausser Nakata. Bei ihm dauert es ein paar Wochen, und es stellt sich heraus, dass sein Hirn sozusagen von allem Wissen geleert wurde. Und er wird auch nie mehr in der Lage sein, neues Wissen hineinzufüllen. Ab ungefähr der Mitte des Romans wird dieser Erzählstrang beigelegt.

Der Roman ist in einer hölzernen Sprache verfasst, die ich zuerst für ein Stilmittel gehalten habe: Der Roman beginnt mit dem Strang um Kafka Tamura, der in der Ich-Form erzählt ist; und ich vermutete, der Autor imitiere die noch nicht völlig ausgebildete Sprachkompetenz eines 15-Jährigen. Da die Sprache aber dann auch in den auktorial erzählten Passagen um Nakata nicht änderte… Ich will aber den ungelenken Stil nicht Murakami ankreiden; mag sein, dass es an der Übersetzung von Ursula Gräfe liegt.

Sicher an Murakami aber liegt die Häufung von nichts-sagenden, sich aber bedeutungsschwanger gebenden Gemeinplätzen. Die fliegen meist aus heiterem Himmel herbei. Offenbar wusste Murakami nicht so recht, wie er die Dialoge in seinem Roman beenden sollte, jedenfalls lässt er zu diesem Zweck gern eine der Figuren einen Gemeinplatz äussern. Vor allem Oshima ist darin nachgerade spezialisiert.

Beim Personal des Romans handelt es sich im Grunde genommen um eine Freak Show, wie sie früher auf jedem Jahrmarkt gezeigt wurde. Dass man Murakami darüber nie zur Rechenschaft gezogen hat (oder über die – sinnlose, weil ohne Konsequenzen für die Haupthandlung erfolgte – Lächerlich-Machung zweier Frauenrechtlerinnen), grenzt für mich an ein Wunder…

Alles in allem keine Empfehlung, und ich frage mich, wie es Murakami mit diesem Roman ins Feuilleton gebracht hat. Die postmodern-existenzialistische Daseins-Verwirrung, die Kritiker in diesem Roman zu finden glaubten, ist die Verwirrung eines Autors, der seinen Roman aus Versatzstücken zusammen geschweisst hat, ohne die Nähte glätten zu können oder zu wollen. Der durch die eingestreuten Gemeinplätze suggerierte Sinn ist so schwach, dass sogar der Schwachsinnige Nakata an der Sinnfindung scheitert. Ein Entwicklungsroman ist das Ganze nur in Bezug auf die Nebenfigur Hoshino. Er, der bis anhin immer mal wieder wegen Schlägereien Probleme mit der Polizei gehabt hat, beginnt, sich zu beruhigen. Er, der bisher nur Jackie-Chan-Filme gesehen hat, sieht sich nun François Truffaut an. Er, der bisher nur seichtes Gedudel im Autoradio hörte, beginnt, Haydn und Beethoven zu hören. (Hierin ein Bruder im Geiste des Ex-Knackis Shadow in American Gods, der im Gefängnis Herodot gelesen hat und ihn nun fleissig zitiert. American Gods erschien ein Jahr vor Kafka am Strand…) Für einen Jugendroman ist viel zu viel und viel zu expliziter Sex in der Story, obwohl ansonsten das Niveau stimmen würde – jedenfalls für einen zweitrangigen Jugendroman.

Dabei hätte der Roman wirklich Potenzial – in der Geschichte des schwachsinnigen Nakata nämlich. Nakata, der sich eines Tages getrieben sieht, eine Reise in den Westen zu unternehmen. Er weiss nicht warum, weiss nicht, was ihn dazu treibt. Er weiss zu Beginn seiner Reise nur, dass er nach Westen muss. Erst kürzere oder längere Zeit nach Erreichen einer Etappe weiss, er, was die nächste Etappe sein wird. Nicht ein strahlender junger Held, sondern ein älterer und dazu noch schwachsinnger Mann, der sich auf eine Queste begibt. Nicht wissend, dass es sich überhaupt um eine Queste handelt. Nicht wissend, was das Ziel sein soll. Wie bei jedem guten Abenteuerroman keine Frauengeschichten (obwohl er sich täglich rasiert, hat Nakata offenbar kein Bedürfnis nach einer Frau – nie gehabt). Wie bei jeder richtigen Queste erwirbt der Held unterwegs sogar einen Gefährten / Gehilfen. In diesem Fall den jungen LKW-Fahrer Hoshino. Sein Ziel aber wird Nakata nie erreichen. Er stirbt vorher. Nicht etwa im Kampf um die Erreichung seines Ziels. Im Schlaf. Die Queste muss sein Gefährte / Gehilfe vollenden. Daraus hätte Murakami, mit etwas Geduld, eine wunderhübsche Parodie auf den handelsüblichen Fantasy-Roman bauen können. Er wollte offenbar mehr. Und hat gar nichts erreicht.

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