Gustav Meyrink: Walpurgisnacht

Walpurgisnacht im Prag des Ersten Weltkriegs.

Walpurgisnacht ist bekanntlich die Nacht vor dem Fest der Heiligen Walburga und traditionell die Nacht, in der die Hexen auf den Brocken reisen. Und so verwundert es den Leser wohl nicht, wenn gleich zu Beginn des Romans ein Hund anschlägt, dessen Name “Brock” ist. Doch das ist der vielleicht plumpeste Teil der Geschichte.

Ansonsten kehrt Meyrink hier zwar zwei Jahre nach dem Golem literarisch nach Prag zurück; es ist aber ein ganz anderes Prag als das des Romans von 1915. Die verwinkelte Altstadt, die Judenstadt, spielen nur eine Rolle als Hintergrund, als Folie, für die Schlösser des Adels. In Walpurgisnacht zelebriert Meyrink den Konflikt zwischen dem alten deutschböhmischen Adel, der “oben”, auf dem Hradschin, residiert und der Plebs, “unten” bzw. “in Prag”, wie sich die Adligen ausdrücken.

Zu Beginn werden wir Zeuge, wie sich “oben” eine Abendgesellschaft trifft zu einem traditionellen Diner mit anschliessendem Kartenspiel. Teilnehmer sind Gräfin Zahradka, die Gastgeberin, “eine Greisin mit schneeweißen Ringellocken”, dann der Kaiserliche Leibarzt Taddäus Flugbeil, genannt “Pinguin”, der “wie ein schemengleicher Ahnherr der Gräfin gegenüber in einem Ohrenstuhl kauerte”, ferner der Baron Elswanger und als vierter Kaspar Edler von Schirnding – beide auch nicht jünger als die andern. Kaspar Edler von Schirnding schockiert die übrigen Teilnehmer der Mahlzeit mit dem Bekenntnis: “Ich war unten! In der Welt!”, und meint damit Prag.

In dieser Eröffnungsszene zeigt sich der Satiriker und ehemalige Mitarbeiter des Münchner Simplicissimus. Diese alten Leutchen, die eigentlich nur noch Gespenster ihrer selbst sind, die in einer längst untergegangenen Welt leben, einer Welt, die schon untergegangen ist, bevor sie selber zur Welt gekommen sind, die sich selber so wichtig nehmen und als Massstab aller Dinge sehen, sich sogar gegenseitig ihr Deutsch korrigieren, als letztlich nie geschulte Deutschböhmen weder richtig deutsch noch richtig tschechisch können und so ihre Relativkonstruktionen nur noch verschlimmern – sie könnten jedweder zeitgenössischen Satire entsprungen sein.

Doch dies ist keine Satire und das Schicksal wird unsere Alten einholen. Äusserlich in Form einiger alter Prager Legenden und Überlieferungen. De facto ist es aber ihr nicht gelebtes Leben, ihre früh verdrängte Sexualität vor allem, die sich an ihnen rächen. Mittelsperson ist auch hier wieder ein Somnambuler, der den sprechenden Namen “Spiegel” trägt. Er kann tote Personen ‘nachahmen’, ihre Stimme und ihr Gesicht annehmen. Daneben haben wir den reinen Toren, der sich von den Legenden dazu verführen lässt, von der ebenfalls durch Legenden verführten Plebs zum König von Böhmen gekrönt zu werden. (So ganz ein reiner Tor ist er übrigens nicht, er und seine Geliebte leben in einer für damalige Verhältnisse recht unverblümt geschilderten sado-masochistischen Beziehung.)

Der reine Tor überlebt den Roman so wenig wie die übrigen Anführer der Plebs. Die Plebs wird bei einem (den historischen Tatsachen nicht entsprechenden!) Volksaufstand von Soldaten niederkartätscht, der reine Tor von seiner Mutter erschossen, der Gräfin Zahradka, die ihren illegitimen Sohn schon immer hasste, weil er sie an eine Sexualität erinnerte, die nicht sein durfte. Auch der Pinguin bekommt endlich Flügel und lernt fliegen, nachdem er erkannt hat, dass er jene Frau aus dem Volk mit unanständigem Lebenswandel, auf die er dieses Lebenswandels wegen verzichtet hat, immer noch liebt und begehrt. Er wirft sich vor den Zug.

Zum Schluss bleiben ein Kammerdiener und jener halbblinde Hund “Brock”, die die Wohnung des Leibarztes aufräumen und dabei einen Kalender entdecken, bei dem das Abreissen der Tagesblätter vergessen wurde, und der immer noch auf dem 30. April steht. Der Kammerdiener reisst den ganzen Monat Mai ab – und somit ist sie vorbei, die Walpurgisnacht.

Weniger expressionistisch als der Golem, weniger verschachtelt auch. Zwar taucht im Schauspieler Zrcadlo (Tschechisch für ‘Spiegel’) ein personifizierter Multi-Doppelgänger auf, aber sprachlich hat sich Meyrink etwas beruhigt. Die Geschichte ist blutiger und grausamer, aber geradliniger erzählt. Persönlich ziehe ich die Walpurgisnacht dem Golem fast vor …

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