Patrick Leigh Fermor: Mani

Travels in the Southern Peloponnese – der Untertitel stimmt nur bedingt. Zwar schildert der 1958 zum ersten Mal publizierte Text vordergründig tatsächlich eine Reise Fermors und seiner Frau in jenen südwestlichsten Zipfel des Peloponnes, der Mani genannt wird. Aber er schildert auch noch viel, viel mehr.

Patrick Leigh Fermor bereiste auch andere Gegenden dieser Erde; schon als 18-Jähriger wanderte er in 3 Monaten von Hoek van Holland nach Istanbul; nach dem Zweiten Weltkrieg bereiste er die Karibik. Sein erster Reisebericht war denn auch The Traveller’s Tree, in dem er 1950 über diese karibische Reise berichtete. Aber seine grosse Liebe war Griechenland, war Mani.

Mani war in den 1950ern noch weitestgehend unbeleckt von jeder Zivilisation. Regelmässige Schiffsverbindungen vom Meer her waren selten; vom Land her gab es eine einzige Strasse, die über die Mani vom Rest der Welt trennenden Berge führte – und diese Strasse hörte schon kurz nach der Überquerung der Berge einfach auf. Es gab also in Mani keine Automobile; wer reisen wollte, tat dies zu Fuss oder mit Esel und Maultier. Wobei diese Tiere meist gebraucht wurden, um Lasten zu tragen, nicht menschliche Müssiggänger. Im Gegensatz  zum übrigen Griechenland gab es in Mani auch jene Plage des Alltags nicht, die dem eher kontemplativ veranlagten Reisenden so zur Last fallen: die überall vor sich hin plärrenden Transistorradios. (Ich war selber ungefähr 30 Jahre nach Patrick Leigh Fermor in Griechenland. Dass man sich in dieses Land verliebt, kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Dass die plärrenden Transistorradios eine Landplage sind, ebenfalls.)

Patrick Leigh Fermor schreibt ein leichtfüssiges und angenehm zu lesendes Englisch. Wie er sich so im Detail an Gespräche erinnern will, ist mir zwar rätselhaft, aber seine Dialoge sind fein ziseliert. Er verstand und sprach den lokalen Dialekt, was eine Kontaktaufnahme mit den Einheimischen sehr erleichterte. Aber nicht einmal die Hälfte von Mani ist tatsächlicher Reisebericht. Patrick Leigh Fermor schweift oft und gerne ab. Manchmal hängen sich Tagträumereien an – so an die Schilderung eines Aufenthalts bei einem einheimischen Fischer. Vor allem aber häuft Patrick Leigh Fermor literatur-, kunst-, kirchen- und überhaupt geschichtliche Exkurse auf Exkurse. Dabei überschreitet er die geografischen Grenzen von Mani. Seine Exkurse decken das ganze griechische Festland ab, ja reichen bis Kreta und Zypern. Die eigentliche griechische Geschichte fängt für ihn mit Byzanz an. (Natürlich greift er auch weiter zurück – in vielen Belangen sind für ihn immer noch Homer und Pausanias die wichtigen Zeugen, wenn es um die alten griechischen Mythen geht oder um die Platzierung dieser oder jener Kultstätte, wo heute meist eine griechisch-orthodoxe Kirche steht.) Byzanz – das ist vor allem Konstantinopel, wie er Istanbul konsequent nennt. Der Untergang von Byzanz, später die Besetzung von Griechenland durch das Osmanische Reich (Mani alledings blieb frei!), auch die blutigen Familienfehden der führenden Mani-Familien, der Freiheitskrieg (an dem ja auch Lord Byron teilnahm, zumindest teilnehmen wollte) – alles wird irgendwann und irgendwo erwähnt. Leider völlig unsystematisch, und manchmal versucht Patrick Leigh Fermor die Geduld des Lesers mit seinen Exkursen, seinen Exkursen in Exkursen, ein wenig gar sehr.

Ob sich der hochintelligente Patrick Leigh Fermor der Crux bewusst war, vor der ein jeder steht, der in seinen Reiseberichten nicht nur das Land und Leute vorstellt? Wie auch ein Richard Katz hat er ein Faible für ‘alte’ Lebensweisen. Das patriarchalisch-feudale und karge Leben der Manioten spricht ihn an. Ihre spontane und fast unbeschränkte Gastfreundschaft gefällt ihm. Ist er sich dessen bewusst, dass die Tatsache, dass da nun ein Fremder durchzieht und später über seine Erlebnisse schreiben wird, diese archaische Welt verändern wird? Schon die eigene Durchreise ändert die abgeschlossene Welt der Einheimischen, gar nun, wenn in Fermors Fussstapfen weitere Reisende kommen, sich diese Reisenden irgendwann so multipliziert haben, dass man von ihnen als von Touristen spricht – gerade, dass er vom archaischen Wesen von Land und Leuten schwärmt, wird Land und Leute ändern, modernisieren. (Es ist die Crux eines jeden Berichterstatters: Man will den Coup landen, als erster über etwas oder jemand berichten [oder zumindest als erster genau so über etwas oder jemand berichten] – aber dieses Sonderrecht hat man genau einmal, und dadurch, dass man es ausübt, geht es für immer und für alle verloren.) Abgesehen davon ist das einfache Leben der Manioten nur für Aussenstehende und Durchreisende pittoresk. Ich stamme aus einer Bauernfamilie, und in den abgeschiedenen Tälern der 1950er war das Leben der Schweizer Bauern nicht grundlegend verschieden von dem griechischer Bauern zur selben Zeit. Es klingt pittoresk, wenn von Männern erzählt wird, die schon zum Frühstück Raki trinken. Es ist aber keineswegs pittoresk, wenn man seinen Tag nur so überleben kann. Und die durch Suff oder Inzucht debilen Mitglieder der Dorfgemeinschaft wären ebenfalls aufzuzählen. Meine Mutter floh in die Stadt; und so sehr sie als Landei dort auch verängstigt war (und dies ein Leben lang): zurück aufs Land wollte sie nie mehr.

Aber das sieht der Durchreisende nicht. Oder wenn, dann verschweigt er es. Denn: pittoresk ist so etwas nicht.


Gelesen in einer Ausgabe der Folio Society, London, von 2017. Mit Fotografien von Joan Eyres Monsell (Fermors Frau und Reisebegleiterin) und einem Vorwort von Artemis Cooper.

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Ein Kommentar zu Patrick Leigh Fermor: Mani

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