Markus Werner: Zündels Abgang

Werners Erstling, mit dem er 1984 den sofortigen Durchbruch schaffte. Zündels Abgang wirkt im Vergleich zu seinem allerletzten Roman, Am Hang, noch etwas roh und ungeschliffen. Aber auch wenn zwischen den beiden Romanen nur fünf andere liegen, so liegen doch 30 Jahre dazwischen. Insofern darf dieser Erstling ruhig noch etwas roh sein; seinen sofortigen Ruhm hat er dennoch verdient.

Zu Beginn des Romans steht ein Zitat von Robert Walser:

Zum Warmwerden lag allem Anschein nach keine Ursache vor.

Das umschreibt die psychische Lage von Zündel, dem Protagonisten, ziemlich gut. Zündel ist Lehrer, hat jetzt aber Sommerferien. Von einem ersten Versuch, alleine in Italien Ferien zu machen, kehrt er rasch heim. Diverse Missverständnisse führen ihn zu Hause aber zum Schluss, dass seine Frau seine Abwesenheit dazu benutzt habe, sich mit einem Liebhaber zu vergnügen. Zündel fährt schliesslich nochmals nach Italien, nach Genua. Ist es schon vorher geschehen, ist es Zündel in Genua ergangen wie Nietzsche in Turin? Er verändert sich völlig; nach landläufigen Begriffen wird er ver-rückt, von seinem Platz weggerückt. Schliesslich verschwindet er völlig von der Bildfläche, von der Bühne des (gutbürgerlich-schweizerischen) Daseins. Sein Schicksal bleibt dem (manchmal in der Ich-, manchmal in der Er-Form) erzählenden Freund Viktor Busch (ein Pfarrherr, wie er sich selber stilisiert) unbekannt.

Es ist die Geschichte eines Lehrer-Burnouts, eines Scheitern des Intellektuellen an der Welt, eines Clowns, der nie lustig war. (Im Gegensatz zu vielen Kritikern bin ich nicht der Meinung, dass das Buch, dass Zündel komisch sind.) Noch und noch erleben wir mit Zündel das Scheitern jedweder Kommunikation. Dass sich der Protagonist zurück zieht und sich auf das Schreiben tagebuch-ähnlicher Notizen beschränkt, ist da aus seiner Sicht nur folgerichtig. Doch auch das scheint zu scheitern, denn er schickt den ganzen Packen Notizen an seinen Vater, der ihn Busch weiterleitet, und aus dem Busch diesen Roman zusammen gesetzt zu haben vorgibt. Die Postsendung an seinen Vater ist denn auch die letzte Spur Zündels.

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