Inge Scholl: Die weiße Rose

Die Autorin ist die Schwester jener beiden von den Nazis ermordeten Studenten, die mit anderen die Widerstandsbewegung der „Weißen Rose“ gründeten. Sie beschreibt diesen Kampf anhand von Erinnerungen und ihr zur Verfügung stehender Dokumente (allerdings werden – von den abgedruckten Flugblättern einmal abgesehen – nirgendwo Quellenhinweise gegeben). Und so ist auch die Beschreibung häufig „literarischer“ Natur und wirkt beizeiten betulich bis sentimental.

Und das macht die Lektüre ein wenig mühsam: So berichtet die Autorin, ihre Schwester hätte vor ihrer Verhaftung einen prophetischen Traum gehabt (in dem sie diese ihre Verhaftung vorhersah) oder ergeht sich in peinlich-schwülstigen Beschreibungen über den vermeintlichen Zustand ihrer Geschwister während der Zeit des Widerstandes: „Dann blieb ihnen nichts mehr als in ihr eigenes Herz hinabzusteigen, dorthin, wo ihnen eine Stimme sagte, daß sie recht taten und daß sie es tun müßten, auch wenn sie ganz allein in der Welt stünden. Ich glaube, in solchen Stunden haben sie frei mit Gott sprechen können, mit ihm, dem sie tastend in ihrer Jugend nachgingen. In dieser Zeit wurde ihnen Christus der seltsame, große Bruder, der immer da war, noch näher als der Tod.“ Versetzt ist das Ganze mit Spruchwahrheiten (so liest man anschließend an die zitierte Passage vom „Weg, der kein Zurück duldete“ und der „Wahrheit, die auf so viele Fragen Antwort gab“), sodass man den Eindruck hat, sich in ein pietistisches Erbauungstraktätchen verirrt zu haben. Die tatsächlichen, politischen oder psychologischen Hintergründe bleiben hingegen ausgeblendet.

An einer Gruppe Kritik zu üben, die mit unglaublichem Mut gegen eine alles beherrschende Diktatur vorgegangen ist, fällt schwer. Wobei es mir weniger um Kritik als um ein Erklärungsmodell geht, das sich vor allem auf den religiösen Widerstand im Nationalsozialismus bezieht. Es erscheint nicht zufällig, dass die Geschwister Scholl nicht nur „Gott in ihrer Jugend nachgingen“, sondern auch bei Machtübernahme Hitlers zu begeisterten Anhängern des Regimes wurden – eine Begeisterung, die sukzessive enttäuscht wurde und sich dann wieder auf ein anderes Glaubenssystem verlegte. Es ist dieses hingebungsvolle „Glauben-Wollen“ überall zu spüren und durch die Konsequenz dieser Hingabe gab es (einige wenige) christliche Widerstandskämpfer, die allen Gefahren und Widrigkeiten zu trotzen imstande waren (in Österreich wurde der „Fall Jägerstätter“ medial ausgeschlachtet: Ein eher simpler Messner aus Oberösterreich, der aus Überzeugung keine Waffe in die Hand nehmen wollte und von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde: Von der katholischen Kirche wurde er – sehr viel später – selig gesprochen und für ihre Zwecke instrumentalisiert, während man seine Haltung im Krieg bzw. auch noch in den ersten Jahren danach streng verurteilte). Es ist aber weniger ein Widerstand aus humanistischen, menschlichen Gründen als einer gegen einen konkurrierenden Glauben: Denn der Nationalsozialismus war nichts weniger als atheistisch (wie in pejorativer Weise in einem der Flugblätter behauptet wird), sondern ein auf ebenso unbedingtem Glauben fußende Ideologie. Und so fällt es Sophie Scholl in ihrer Begeisterung für den Aquinaten (der als Befürworter der Todesstrafe und der Inquisition bei Häresien auftrat) oder Augustinus (für den Ungläubige ebenfalls den Tod verdienen) nicht im mindesten auf, dass sie mit diesen Denkern Theoretikern der Intoleranz huldigte: Das Nachdenken geht über den Tellerrand nicht hinaus.

Auch der spiritus rector der Gruppe, der Philosophieprofessor Kurt Huber, wird geschönt als opferbereiter und aufrechter Katholik dargestellt, der „herrliche Vorlesungen über die Theodizee gehalten habe. Theodizee, das heißt Rechtfertigung Gottes. Die Theodizee war ein großes und schwieriges Kapitel in der Philosophie. Besonders schwierig im Krieg. Denn wie lassen sich in einer Welt, über die Mord und Not rast [sic], die Spuren Gottes erkennen? Wenn aber ein Lehrer wie Huber sie aufwies, wurde solche Deutung zum unvergeßlichen Erlebnis […]“. Leider lässt uns die Autorin über den Aufweis im Dunklen, vielleicht aber kann eine (aus dem Flugblatt gestrichene Stelle) uns Hubers Vorstellungen näherbringen: „Studenten, Studentinnen. Ihr habt Euch der deutschen Wehrmacht an der Front und in der Etappe, vor dem Feind, in der Verwundetenhilfe, aber auch im Laboratorium und am Arbeitsplatz restlos zur Verfügung gestellt. Es kann für uns alle kein anderes Ziel geben, als die Vernichtung des russischen Bolschewismus in jeder Form. Stellt Euch weiterhin geschlossen in die Reihen unserer herrlichen Wehrmacht.“ Im Buch ist Huber der unermüdliche Kämpfer für ein freies und humanes Deutschland (im übrigen war er NSDAP-Mitglied, er trat noch 1940 in die Partei ein), in realiter scheint er auch Ansichten abseits der Humanismus gepflogen zu haben. – So bleibt bei dieser Lektüre ein schales Gefühl zurück: Zum einen verstört die sprachliche Unbedarftheit der Autorin, zum anderen bleibt die Darstellung der Widerstandsbewegung ohne jeden Tiefgang und wirkt idealisiert und geschönt. (Hätte ich dieses Buch nicht gelesen, wäre mein Bild der „Weißen Rose“ – aufgrund meiner rudimentären Kenntnisse – ein ungleich positiveres gewesen.


Inge Scholl: Die weiße Rose. Frankfurt a. M.: Fischer 1989.

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