Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker

Goldhagens Buch hat bei seinem Erscheinen vor gut 20 Jahren viel Aufsehen erregt: Für mich häufig ein Grund, ein Buch nicht zu lesen. Oder mit großer Verspätung. In diesem Fall hätte ich mir die 2,50 Euro für die antiquarische Ausgabe allerdings ersparen sollen: Ich hatte mit widerspruchsvollen, provokanten Thesen gerechnet, nicht aber mit einer dümmlichen Anhäufung von Vorurteilen.

Im Grunde geht Goldhagen Hitler auf den Leim: Er meint – wie der Führer – von den Deutschen sprechen zu können und unterstellt ihnen einen latenten Hang zum Töten von Juden, die nur auf ein Regime wie das nationalsozialistische gewartet hätten, um ihre Mordlust befriedigen zu können. Dabei weiß ich (als Österreicher) überhaupt nicht, was nun zu diesen Deutschen zählt (und warum): Vor 1848, 1849, 1866 oder 1871 – nach freier Wahl – gab es kein Deutsches Reich und die Deutschen im Allgäu oder Bayern hätten sich eine Gleichsetzung ihrer Eigenarten (so vorhanden) mit preußischen (Un-)Tugenden verboten. Dieses eher heterogene Gebilde, dem im Nationalsozialismus ein Österreicher vorstand (weshalb ich von der Annahme ausgehen, dass diese Österreicher unter das Deutschtum subsumiert werden: Hier stellt sich dann allerdings die Frage, wer denn noch zu den Deutschen zählt, die Südtiroler? die Banater Schwaben? – überhaupt alle Deutschsprechenden, also auch die Deutschschweizer, denn die Vorarlberger – den Schweizern in der Sprache sehr viel ähnlicher als den Österreichern – müssten aufgrund Goldhagens Logik über diesen österreichischen Umweg den Deutschen zugesprochen werden), dieses sperrige Gebilde deutsch sprechender Personen hat also nach Meinung des Autors in seinem innersten Wesen immer schon auf die Vernichtung der Juden hingearbeitet. Es bedurfte nur noch eines Hitlers, um dieses Vorhaben umzusetzen. Denn es waren die Deutschen (oder halt die vorhin umschriebene Gruppe, die einzig die Nationalsozialisten und Goldhagen als monolithischen Block betrachten), so Goldhagen, die den Holocaust umsetzten – und aus dieser Tatsache wird im Kopf des Autors eine historische Notwendigkeit.

Für Differenzierungen hat Goldhagen wenig übrig: So hält er den Ansatz eines „gesunden Menschenverstandes“ (der Menschen per se unterstellt, nicht aus Lust und Laune zu morden) für grundsätzlich falsch und lehnt derartige Annahmen (wenigstens für die Deutschen) ab. Er gibt vor, den Täter in den Mittelpunkt zu stellen, seine Bereitschaft zum Töten, zur Erniedrigung der jüdischen Mitbürger und hält andere Erklärungsmodelle (die die Freiheit des Einzelnen einschränken) für falsch und unzutreffend. Erklärungsmodelle wie den äußerden Druck eines totalitären Regimes, die Bedeutung von Hitler als über den Dingen stehenden, charismatischen Führer, den sozialpsychologischen Einfluss, der innerhalb von Gruppen wirksam wird und es dem Einzelnen erschwert, seinen Maximen entsprechend zu handeln, die Bedeutung der Bürokratie, die das Verbrechen aus dem Einluss- und Sichtbereich der Beamten entfernt und – damit verbunden – die Fragmentierung der Aufgaben, die die wirkliche Natur der Handlungen verschleiert bzw. es ermöglicht, die Bedeutung der eigenen Mitwirkung zu relativieren und die Verantwortung an höhere Stellen zu delegieren. Nun wurden alle diese Erklärungen tatsächlich missbraucht, um die Schuld des Einzelnen oder einer Gruppe als unerheblich erscheinen zu lassen: Das heißt aber nicht, dass nicht alle diese Dinge sehr wohl Einfluss gehabt haben, auch wenn sich viele Täter zu Unrecht auf solche Entschuldigungen berufen haben.

Für Goldhagen ist das alles aber sehr viel einfacher: „Meine Erklärung lautet – und dies ist neu in der wissenschaftlichen Literatur über die Täter -, daß die ganz ’normalen Deutschen‘ durch eine bestimmte Art des Antisemitismus motiviert waren, die sie zu dem Schluß kommen ließen, daß die Juden sterben sollten.“ (Hervorhebung im Original) Und weiter: „Die Täter, die sich an ihren eigenen Überzeugungen und moralischen Vorstellungen orientierten, haben die Massenvernichtung der Juden für gerechtfertigt gehalten, sie wollten dazu nicht nein sagen.“ (Hervorhebung im Original) Dass eine solche Ansicht in der wissenschaftlichen Literatur neu ist, darf nicht überraschen: Denn sie ist in ihrer Simplizität eben nicht wissenschaftlich, sie wird auch im Buch nicht kritisch hinterfragt (im Gegenteil: Zu Recht wurde Goldhagen vorgeworfen, dass er seine Quellen gezielt zur Untermauerung der eigenen These ausgewählt und Widersprechendes ignoriert hat) oder entsprechend belegt. Es sind schlicht Vorurteile und Verallgemeinerungen, die das vereinfachende Weltbild des Nationalsozialismus mit umgekehrten Vorzeichen wiederauferstehen lässt: Hitlers und Goldhagens Vorstellung von den Deutschen scheinen sich nicht wirklich zu unterscheiden. Auch wenn es für beide schwer erträglich scheint: Es gibt keinen Deutschen an sich (noch weniger einen Juden an sich: Die reinrassigsten finden sich höchstwahrscheinlich unter den Palästinensern, wie Shlomo Sand) beeindruckend nachgewiesen hat), es gibt ein Amalgam von „Rassen“, Ethnien, Verwandschaften und es gibt noch viel weniger eine geschichtliche Determination (die Goldhagen in den 70 Jahren des dem Dritten Reich vorausgehenden Deutschen Reiches erkennen will, wobei die Darstellung dieser Geschichte derart einseitig ist, das man mit ihr in jedem Geschichteseminar Schiffbruch erleiden würde). Und es gibt deshalb keinen geborenen deutschen Massenmörder und ebensowenig den jüdischen Wucherer: Sondern Menschen, die unter bestimmten Umständen sich unmenschlich (? – oder menschlich?) verhalten.

Das Ärgerliche an diesem Machwerk ist die Tatsache, dass man Personen zu verteidigen sich bemüßigt fühlt, die man überhaupt nicht verteidigen will. All die Heuchler, Verbrecher, all jene, die weggesehen haben oder nichts wissen wollten, alle Feiglinge (allerdings ist feige in einer Dikatatur ein großes Wort: Mangelnde Zivilcourage möchte ich eigentlich nur jenen vorwerfen, die in einem freiheitlichen Rechtsstaat aufgrund kleinlicher Egoismen sich jeden Widerspruch versagen), Mitläufer, Mittäter, die später höchst kreativ waren im Finden von Entschuldigungen – für Dinge, die unentschuldbar sind. Dadurch, dass Millionen zu geborenen Massenmördern erklärt werden (für die alle Psychologie unzuständig ist), werden Ewiggestrige und Revisionisten gestärkt, es ist Wasser auf den Mühlen des bräunlichen Gesocks‘, das allenthalben wieder aus den Erdlöchern kriecht. Das ist das eigentlich Schlimme an diesem Buch.

Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen (vielmehr quergelesen), es lohnt den Aufwand einfach nicht. Denn es ist neben seinen abstrusen Thesen auch nichts weniger als „wissenschaftlich“ – im Gegenteil: Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine vorgefertigte Theorie durch selektiv ausgewählte Belege stützen kann. Dazu kommt eine ungeheuer selbstgefällige Darstellung: Alle bisherige Forschung hat das Entscheidende übersehen, die Geschichte des Holocausts muss aufgrund von Goldhagens Erkenntnissen neu geschrieben werden. Unter den so verworfenen Geschichtswissenschaftlern sind durchaus nicht nur die potentiellen Mörder aus der deutschen Zunft, auch Leuten wie Browning oder Hilberg wird Kurzsichtigkeit (oder Ärgeres) unterstellt: Denn sie alle haben nicht gesehen, dass Goldhagens These vom deutschen „Nichtneinsagenwollen“ zum Massenmord die einzig erhellende ist.


Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. München: Goldmann 1998.

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