Lothar Frenz: Riesenkraken und Tigerwölfe

Die Kryptozoologie beschäftigt sich mit allen seltenen, seltsamen, vermutlich oder tatsächlich ausgestorbenen Lebewesen, deren Faktizität von der akademischen Biologie häufig in Frage gestellt wird. Und es handelt sich tatsächlich um eine Grauzone zwischen Wissenschaftlichkeit und esoterischer Spinnerei: Weshalb es für seriöse Kryptozoologen umso wichtiger erscheint, nach strengen Kritierien vorzugehen und die Grenzen zum Märchenhaften nicht zu überschreiten.

Der Autor ist studierter Biologe – und Wissenschaftsjournalist. Und er unternimmt mit diesem Buches eine Gratwanderung zwischen Naturwissenschaft und journalistischer Aufbereitung für eine große Leserschaft. Wobei mir diese Leserschaft ein wenig zu groß gedacht ist, deren Aufmerksamkeit mit mich enervierenden rhetorischen Floskeln gefesselt werden soll – in der Form „wer weiß, was noch alles möglich ist“ oder „welche Tiere mögen wohl hinter den restlichen Berichten stecken?“ bz. das Wunderbare suggerierende Sätze wie „nicht alles, was in der Literatur steht, stimmt schließlich – selbst wenn es sich um wissenschaftliche Werke handelt“. Ein mehr als banaler (und richtiger) Satz, seine Absicht, eine Relativierung aller Aussagen (mythologischer und wissenschaftlicher) zu erreichen, so offenkundig wie dumm (ich erspare mir einen Exkurs in die Wissenschaftstheorie und empfehle dem an der Thematik Interessierten etwa Alan Musgraves „Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus“).

Natürlich gibt Frenz nicht vor, ein an wissenschaftlichen Kriterien sich orientierendes Buch zu schreiben: Dennoch hätte er nach meinem Dafürhalten die Grenze zwischen Spekulation und einigermaßen gesichertem Wissen enger ziehen sollen, ja müssen. So etwa, wenn es um Bigfoot (den Yeti etc.) geht: Denn gegen dessen Existenz spricht nicht nur die äußert dürftige Beweislage, sondern auch grundsätzliche Überlegungen, die mit Populationsgrößen (in der Literatur scheint da immer ein einzelner Bigfoot über die Jahrtausende durch die Gegend zu wandern) oder dem absoluten Fehlen von Fossilien (warum sollte gerade ein rund 300 kg schwerer Primat noch keinen einzigen Knochen hinterlassen haben?) einhergeht. Derlei aber verschweigt Frenz (wider besseres Wissen) – offenbar in der Absicht, die Sasquatch-Gemeinde nicht zu verprellen.

Andere Kapitel aber sind informativ und interessant, wie die Ausführungen zur Geschichte der Riesenkraken (bzw. Tintenfische) oder die der Ausrottung diverser Großvögel oder Großsäugetiere. Wobei Frenz auch Positives zu berichten hat: Die Wiederentdeckung der verschollenen Schweineart Sus bucculentus oder des Borneo-Süßwasserhais. Insgesamt aber – und das mag das eigentlich Wichtige dieses Buches sein – zeigt der Autor, wie groß die Gefahr des Artensterbens mittlerweile geworden ist und wie gering die Sensibilität des Homo sapiens, seine tierischen Verwandten zu schützen. (Wobei – Arten- bzw. Umweltschutz immer Menschenschutz ist: Es geht im Grunde um unser eigenes Überleben.) Wenn man über die „journalistische“ Schreibweise (oder Intentionen) hinwegsieht, ist es dann doch ein recht kurzweiliges Buch.


Lothar Frenz: Riesenkraken und Tigerwölfe. Auf der Spur mysteriöser Tiere. Berlin: Rowohlt 2000.

Dieser Beitrag wurde unter Fach- und Sachliteratur, Theoretische und angewandte Naturwissenschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.