Georg Milzner: Digitale Hysterie

Die Bücher, die vor der Gefahr der Computer, der Digitalisierung warnen, sind Legion. In den letzten Jahren lässt sich allerdings auch ein gegenteiliger Trend erkennen: Der die Computer als unabdingbare Hilfsmittel und Chance betrachtet, die jeden Bereich zunehmend dominieren und ohne die Zukunft nicht vorstellbar ist.

Das vorliegende Buch versucht eine Relativierung der eindrucksvoll vorgebrachten Untergangsszenarien („Digitale Demenz“, „Die Lüge der digitalen Bildung“ etc.). Milzner zeigt, dass diese Angst eine typische Reaktion der Gesellschaft auf neuartige Technologien darstellt und dass sich die Befürchtungen – mutatis mutandis – über die Jahrhunderte gleichgeblieben sind. Kaum jemand wird heute noch die Angst vor dem Buch (dem Bildungsgut unserer Zeit schlechthin) verstehen können (emotionale Verwahrlosung hat man befürchtet und moralische Verworfenheit), auch nicht jene vor dem Radio (auch wenn ich mich noch daran erinnern kann, dass das Hören bestimmte Sender von den Eltern nicht gern gesehen wurde, was natürlich den gegenteiligen Effekt hatte), die Tiraden bezüglich des Verdummungspotentials des Fernsehens kennen aber schon die allermeisten. So ist es nicht verwunderlich, dass den heutigen „digital natives“ ebenfalls ein moralisch-intellektueller Niedergang prophezeiht wird – vor allem von jenen, die von der Bildschirmwelt nicht wirklich Ahnung haben.

Wir müssen uns von einem der Vergangenheit angehörigen Traum verabschieden: Dass unsere eigene, ideal gedachte Kindheit von Baumhäusern, gestauten Wildbächen und Schlammschlachten auch für unsere Kinder der einzig erstrebenswerte ist. Dies sind unrealistische Vorstellungen (und sie sind – ganz nebenbei – auch geschönt: Denn dieses imaginierte Paradies hatte ebenso seine Gefahren und Fallstricke zu bieten), die die Zukunft unseres Nachwuchses nicht bestimmen werden (ob wir uns das wünschen oder nicht: Wobei ich mir so sicher nicht bin, dass es wünschenswert wäre). Wir müssen ihnen hingegen sowohl digitale Kompetenz vermitteln (die sie in ihrem Leben zweifellos brauchen werden – in einem sehr viel stärkeren Ausmaß, als uns das häufig bewusst ist) als auch „Selbstkompetenz“, die den Heranwachsenden ein Nachdenken darüber vermitteln soll, was die diversen digitalen Freizeitangebote mit ihnen machen. Sensibilisierung für den Zustand nach intensiver Computer/Internet-Tätigkeit (Umfragen zeigen, dass sich fast alle nach einer solchen Zeit weniger glücklich, zufrieden fühlen) – was nichts anderes bedeutet, als sie zu einem Nachdenken über sich selbst und ihre Vorlieben anzuregen. Das aber hätte schon immer allen Kindern gutgetan – und so sind die Vorschläge, die Milzner diesbezüglich bringt, im Grunde nichts als recht triviale Anregungen zur Kindererziehung.

Außerdem weist der Autor auf die Fragwürdigkeit zahlreicher Studien bezüglich Verdummung, Gewaltbereitschaft etc. hin: Hier werden häufig Korrelationen mit Kausalzusammenhängen gleichgesetzt und ideale, monokausale Interpretationen vorgenommen. Der Zusammenhang zwischen intensivem Computerspiel und schlechten schulischen Leistungen ist eine solch fragwürdige Korrelation: Denn diese Kinder spielen nicht nur überproportional viel, sondern gehören meist auch den sogenannten „bildungsfernen“ Schichten an bzw. zu jenen Familien, die zu den finanziell schwächsten Gruppen gehören (sodass hier ganz andere Zusammenhänge am Werk sein könnten). Außerdem beinhaltet diese Schlussfolgerung eine höchst banale Erkenntnis: Jede intensive Beschäftigung mit nichtschulischen Dingen beeinflusst den Notendurchschnitt negativ – ob es sich dabei um intensives Schach- oder Fußballspielen handelt oder aber auch exzessives Lesen (so habe ich die stapelweise aus der Stadtbibliothek angeschleppte Literatur schon früh den Schulbüchern vorgezogen, was sicher nicht zur Verbesserung meiner Leistungen beigetragen hat).

Eine Aussage Milzners scheint mir aber doch problematisch zu sein: So zeigt er an ausgewählten Personen (etwa einem erfolgreichen professionellen Gamer oder bekannten Sportlern), dass selbst „abwegige“ Interessen zu beruflichem Erfolg führen können. Abgesehen von der Zweifelhaftigkeit des beruflichen Erfolges als Gradmesser für eine gelungenes Leben sind diese Beispiel m. E. wenig geeignet: Denn sie zeigen nicht jene Masse an Sportlern und Spielern, die trotz größten Einsatzes ihre Ziele samt und sonders verfehlt haben. Es wäre sehr viel interessanter (und aussagekräftiger), wenn diese Gruppe auf ihre spätere Zufriedenheit hin untersucht worden wäre und nicht die wenigen Erfolgreichen, die für die große Masse keineswegs repräsentativ sind.

Das Buch fordert zu einem vernünftigen und kompetenten Umgang mit den neuen Medien auf (und ermuntert Eltern, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die Kinder da so am PC treiben: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit), ohne einer Hysterie zu verfallen, wie sie die Altvorderen schon bei anderen Neuerungen an den Tag legten. Es ist im Grunde ein Appell an den Hausverstand: Computer als wesentlich für unsere Kultur zu akzeptieren, die Kinder nach Möglichkeit auf diese neue Welt gut und kritisch vorzubereiten. Das gemeinsame Sitzen vor dem PC von Eltern und Kindern (sofern die Eltern die entsprechende Kompetenz besitzen) ist sicher eine der besten Möglichkeiten, auch auf die unglaublichen Möglichkeiten und das kreative Potential von Computern hinzuweisen. Dass damit nicht alle Gefahren aus der Welt geschafft sind, die sich aus einem solchen digitalen Umgang ergeben, liegt im Wesen unserer Welt: Die allüberall Gefahren birgt. (Ob diese von Milzner skizzierte – und von mir unterstützte – Strategie aufgeht, kann ich in 10 Jahren sehr viel besser beantworten: Das hier also ist der digitale Knopf im Blogtagebuch, der mich an eine entsprechende Stellungnahme erinnern soll.)


Georg Milzner: Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Weinheim: Beltz 2016.

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