Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit

Levine untersucht aus der Sicht des Sozialpsychologen den Umgang der Menschen mit der Zeit in verschiedenen Kulturen. Wobei er den sozialpsychologischen Ansatz betont: Dieser unterscheide sich von der Soziologie (die sich mit größeren Gruppen befasst) bzw. von der Psychologie dadurch, dass sie die Auswirkungen der Gruppe auf den Einzelnen untersucht.

Die Gefahr solcher Bücher besteht häufig darin, dass man sich über Selbstverständlichkeiten ausführlich verbreitet und durch mehr oder weniger aufwändige Datenerhebungen das belegt, was ohnehin jeder weiß. Dem entgeht auch Levine nicht immer (allerdings: Was für den einen trivial ist, stellt für den anderen eine neue Erkenntnis dar), er schafft es aber über weite Strecken, den Leser mit nicht immer erwarteten Ergebnissen zu konfrontieren. Dass die Geschwindigkeit in den westlichen Industriestaaten eine andere ist als in Dritte-Welt-Ländern ist offenkundig, dass aber mit dieser Geschwindigkeit unterschiedliche Lebenseinstellungen verbunden sein können, zeigt vor allem das Beispiel Japan (das Kapitel, das Levine dem Inselstaat widmet, gehört zum interessantesten und besten des Buches).

So stellt man im Westen die erwartete Korrelation zwischen Herzerkrankungen und Lebensgeschwindigkeit fest (das Herzinfarktrisiko der sogenannten Typ-A-Personen, die ihr Leben streng nach der Uhrzeit richten und für die die Arbeitsleistung einen Wert an sich darstellt, ist bis zu 7fach erhöht), sieht sich aber bei den japanischen Daten mit fast dem genauen Gegenteil konfrontiert. Trotzdem die Japaner weltweit am meisten arbeiten, kaum Zeit im Urlaub verbringen und selbst ihr Privatleben noch vom Beruf stark beeinflusst ist, gehören sie bei den koronaren Erkrankungen zum Ende der Statistik. Levine führt das – wahrscheinlich zu Recht – auf eine vom Westen vollkommen unterschiedliche Haltung zu dieser Arbeit zurück: Nicht das Individuum steht im Vordergrund, sondern der Betrieb. Mit einem Unternehmen ist man zumeist lebenslang verbunden, die privaten Kontakte werden hauptsächlich über den Arbeitsplatz geknüpft, die Trennung zwischen dienstlich und privat, wie sie in westlichen Betrieben die Regel zu sein pflegt, ist dort nicht denkbar.*

Der Japaner „lebt“ im Betrieb, er arbeitet nicht dort. Das beinhaltet auch soziale Anwesenheit: Je nach Umständen (und Hierarchiegraden) gilt es als äußerst unhöflich, sich zurückzuziehen (und wenn die Tätigkeit bloß darin besteht, anderen bei einem Brettspiel zuzusehen). Gerade durch diese sozialen Interaktionen ist die tatsächliche Effektivität japanischer Arbeitskräfte um einiges geringer als im Westen (im Vergleich zu den im Betrieb zugebrachten Stunden), allerdings wird der Arbeitsdruck dadurch als sehr viel weniger belastend empfunden. Deshalb verwehrt sich Levine auch gegen die einfache Formel, dass ein gemählicheres Lebenstempo automatisch zu mehr Zufriedenheit führen würde: Dies ist einerseits von den Umständen, andererseits auch vom Menschentypus abhänig. So gibt es „geborene“ Typ-A-Menschen, die sich unter Arbeitsbedingungen, wie sie etwa in Südamerika oder Afrika die Regel sind, äußerst unwohl fühlen (und entsprechende Stresssymptome entwickeln) – und vice versa.

Das Amüsante und Angenehme dieses Buch besteht in der perfekten Mischung zwischen den persönlichen Erfahrungen des Autors (er ging 12 Monate auf „Zeitreise“ über den ganzen Globus) und der wissenschaftlich-sozialpsychologischen Aufbereitung. Nichts illustriert den Unterschied zwischen Ereigniszeit und Uhrzeit besser als die geschilderten Erlebnisse (inklusive jener Zeit, die er als Dozent in Brasilien verbrachte und die für ihn zum Initialerlebnis seiner Zeitforschung wurden) und sie lassen den Leser nachdenklich und schmunzelnd zurück, da er sich leicht seine eigenen Fehltritte in solchen Ländern vorzustellen vermag. Das Kalendspruchartige, das solchen Büchern ansonsten häufig anhaftet, bleibt hier außen vor: Levine kann sogar Castaneda oder Ken Wilber zitieren, ohne dass man diese „Weisheiten“ als allzu platt empfände: In den richtigen Kontext gebracht sind selbst diese Zitate des Nachdenkens wert. Ein insgesamt stimmiges, sehr angenehm zu lesendes Buch!


*) Sehr treffend beschreibt das Levine durch die Reaktion der Firma auf die krankheitsbedingt Abwesenheit eines Mitarbeiters: Für einen Japaner würde es einen ungeheuren Affront darstellen, wenn man ihm sagen würde „erholen Sie Sich gut, wir werden auch ohne Sie gut zurecht kommen, machen Sie Sich keine Sorgen“. Auf japanisch müsste das – den Höflichkeitskodex berücksichtend – lauten: „Das ist sehr bedauerlich, wir wissen gar nicht, wie wir es auch ohne Sie schaffen sollen.“


Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit der Zeit umgehen. München: Piper 1998.

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