Valentin Braitenberg: Künstliche Wesen

Braitenbergs Buch ist ein Klassiker der Kybernetik bzw. der Künstlichen Intelligenz (KI). 1984 auf Englisch erschienen wird es seither zu Recht in fast jeder Publikation zum Thema der Erforschung geistiger Strukturen bei Mensch und Tier zitiert und hat zahlreiche Wissenschaftler und Philosophen beeinflusst. Er selbst hatte eine Ausbildung zum Neurologen und Psychiater absolviert, ehe er sich in den USA der Informationstheorie zuwandte und schließlich Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen wurde.

Die Idee zum Buch ist bestechend: Braitenberg konstruiert Vehikel mit verschiedenen Komplexitätsgraden und zeigt anhand ihrer Verhaltensweisen implizit die Parallelen zum menschlichen (und tierischen) Gehirn auf. 14 solcher “Wesen” werden vorgestellt: Wesen 1 reagiert auf einen Sensor, sein motorischer Antrieb verhält sich proportional zum Input und bewegt sich beispielsweise entsprechend der Außentemperatur mit verschiedenen Geschwindigkeiten . In weiterer Folge werden diese Wesen komplizierter: Die Zahl der Sensoren (der Antriebe) erhöht sich, es werden gekreuzte Verbindungen (von Sensor zu Antrieb) verwendet (was ein Zu- bzw. Abwenden von einem Ziel zur Folge hat), inhibitorische oder exzitatorische Elemente implementiert, logische Schaltungen und Bewegenssensoren integriert bis hin zur Symmetrieerkennung und einer Art von Begriffsbildung sowie einem inneren Abbild der äußeren Wirklichkeit. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der Hinweis, dass die Synthese solcher Elemente sehr viel leichter ist als eine externe Analyse, die nur aufgrund des Verhaltens der Vehikel auf deren Verschaltungen schließen will. (Braitenberg sorgt auch für eine evolutionäre Komponente und für ein egoistisches bzw. optimistisches Verhalten bei seinen Geschöpfen.)

Im zweiten Teil des Buches zeigt er dann, woher er seine Idenn bezogen hat: Durchwegs aus den Untersuchungen tierischer Gehirne. Für jedes der 14 Wesen lässt sich eine biologische Analogie finden: Ob es sich um das Sehen von Insekten handelt oder das Hören von Geräuschen (der einzige Input, der keine kreuzweise Verarbeitung erfährt), er vergleicht die tierischen Gedächtnisleistungen mit den der Vehikel oder die Gestaltperzeption des Menschen mit den von ihm entworfenen Strukturen in den künstlichen Wesen. (Dieser zweite Abschnitt dürfte zum Teil überholt sein, zum anderen schien er – für mich als hirnphysiologischen Laien – teilweise schwer verständlich.) Das Beeindruckende des Buches besteht vor allem in der Darstellung der Entwicklung der “kybernetischen Vehikel”, die durch relativ einfache Strukturen schon sehr bald an das Verhalten von Lebewesen erinnern. Und zeigt damit auch, wie schwierig es ist, eine Grenze zwischen belebt und unbelebt, zwischen geistig und materiell zu ziehen: Bzw. es demonstriert eindrucksvoll die Unmöglichkeit einer solchen Unterscheidung. Ein geistreiches und anregendes Lesevergnügen.


Valentin Braitenberg: Künstliche Wesen. Das Verhalten kybernetischer Vehikel. Braunschweig: Vieweg 1986.

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