Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf

Ausgehend von dem „philosophischen“ Geschenk, das Putin an 5000 seiner höheren Beamten 2014 verteilen ließ (drei Bücher, in denen seine Vorstellungen des künftigen Russland beschrieben wurden) analysiert der Autor die ideologische Entwicklung des russischen Staatspräsidenten vom überzeugten sowjetischen Kommunisten über den Wirtschaftsliberalen zum orthodoxen, Großmachtsträume hegenden Führer einer neuen konservativen Weltordnung.

Eltchaninoff zeigt anhand der ausgewählten Philosophen (die allesamt weitgehend umbekannt sind: Wer kennt Iwan Iljin oder Konstantin Leontjew?), auf welche theoretische Grundlage sich das imperiale Denken des russischen Präsidenten stützt. Und er zeigt, wie dieser sich aus den Versatzstücken des sowjetischen Denkens, aber auch aus jenen der antikommunistischen, „weißen“ Intelligentsia (die durch die Revolution 1917 ins Ausland getrieben wurde) oder der panslawischen Ideen des 19. Jahrhunderts eine eigene Philosophie konstruiert, die sich eine Revision des untergegangenen sowjetischen Imperiums zum Ziel setzt. Immer wieder wird dabei auf das „Besondere“ des russischen Wesens Bezug genommen, auf den (imaginierten) russischen Nationalcharakter, auf die tiefe russische Seele, die sich seit Jahrtausenden (sic) gegen westliche Bevormundung zur Wehr setzen und einen eigenständigen Kurs verfolgen muss. Ein Kurs, der in der Ablehnung der liberalen Gesellschaft der westlichen Demokratien besteht, die ohnehin als dekadent und dem Niedergang preisgegeben erscheinen.

Diese Dekadenz kommt beispielhaft zum Ausdruck durch die Macht der Homosexuellenlobby, die die natürlichen Instinkte des christlichen Abendlandes unterminiert und ein untrügliches Zeichen des Verfalls darstellt. Putin hingegen sieht sich – im Verein mit der russisch-orthodoxen Kirche – als Retter einer als heilig gedachten Familie; dabei verbindet er den Geburtenrückgang in Russland mit dieser Homosexualität (ein „Argument“, das im übrigen Rechtsparteien in unseren Landen ebenfalls bemühen und das – nach kurzer Überlegung – höchst seltsam anmutet: Als ob die Gleichstellung von Schwulen und Lesben die heterosexuelle Mehrheit am Kinderzeugen hindern würde). Jedenfalls benötigt das vorgestellte Imperium reichen Kindersegen: Auch diese Überlegung ist nicht wirklich neu und wurde anno dazumal – anderes Land, andere Zeit, aber ähnlicher Geist – mit Ehrungen wie dem Mutterkreuz zu fördern versucht.

Dabei sind es verschiedenen Ausprägungen, die Putin seinem Imperium in spe zugedacht hat: Mal ist es der eurasische Traum eines riesigen, asiatischen Wirtschaftsblockes (der aber China – wohl vergebens – von der Einführung des Rubels zu überzeugen hätte), dann wieder eine Zusammenführung aller russischen, slawischen Völker (wozu selbstverständlich die Ukraine, aber auch Transnistrien oder Teile des Balkans zählen). Und auch das Baltikum, deren Staaten einen nicht unerheblichen Anteil an Russen aufweist (bis zu 25 %): Russen, die auf Antrag mit einem russischen Pass ausgestattet werden (wie etwa auch jene in Armenien) und die durchaus einen Anlass bieten könnten, „geschützt“ zu werden. Dass manche dieser Konzeptionen widersprüchlich sind (so ist die gedachte russisch-orthodoxe Gemeinschaft mit den großteils islamischen Völkern an der Südgrenze Russlands inkompatibel), ficht Putin nicht an: Die imperialen Begründungsmodelle werden je nach Bedarf angepasst.

Das Buch ist ausgezeichnet geschrieben (keine Selbstverständlichkeit bei einem Sachbuch) und bietet einen fundierten Einblick in die Entwicklung des putinschen Denkens. Dass all die „neuen“ Tugenden, auf die er dabei rekurriert, höchst anachronistisch anmuten und das Staatsideal von vor 200 Jahren zum Vorbild haben (teilweise auch in gesellschaftlicher Hinsicht), tut seinem Erfolg – auch hier im Westen – keine Abbruch. Putins neuer Konservatismus geht Hand in Hand mit den rechtspopulistischen Bewegungen (die FPÖ hat mit der Partei des „Einigen Russland“ einen gemeinsamen Grundsatzkatalog verabschiedet) und findet in der breiten Masse durchaus Anklang. Der Rekurs auf einfache (und stets undurchführbare) Lösungen, auf christliche Tugenden und Begriffe wie Ehre, Treue oder Vaterlandsliebe (in denen verborgen die Berechtigung für die Verachtung des jeweils anderen ausgelebt werden kann) findet breite Zustimmung: Wobei nur zu hoffen bleibt, dass dieses Gedankengut nicht wieder den Beweis seiner absoluten Unzulänglichkeit antreten kann.


Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Die Philosophie eines lupenreinen Demokraten. Stuttgart: Cotta 2016.

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