Otto Hostettler: Darknet

Im Vorwort lässt sich ein Dozent für Wirtschaftsstrafrecht und Strafprozessrecht, Cornel Borbély, lobend über dieses Buch aus (zugegeben, das ist nicht wirklich überraschend bei Vorwörtern): Hostettler beschreibe „eindrücklich und faktenbasiert den Mechanismus und die Wirkungsweise des Darknets“. Und als „herausragend“ bezeichnet er die monatelange, eigenständige Feldforschung des Autors, wodurch ein „einzigartiger Beitrag zur Aufklärung über Umfang und Hintergründe des Darknets“ geleistet werde. Deshalb sollten vor allem Staatsanwälte bzw. Juristen, die mit Internetkriminalität befasst sind, das vorliegende Werk lesen.

Man ahnt es schon: Diese Empfehlung ist mehr als zweifelhaft. Denn das, was Hostettler hier in „monatelanger“ Recherche ermittelt hat, passt auf eine Postkarte und kann in jedem Artikel auf Heise.de oder ähnlichen Plattformen nachgelesen werden. Ins Darknet kommt man über „The onion Router“ – Tor: Das weiß inzwischen auch mein 9jähriger Sohn – und dort, im Dunkeln, kann man allerlei Ungustiöses und Verbotenes kaufen oder vertreiben. Bezahlt wird – häufig – mit Bitcoins, einer virtuellen Internetwährung, die man sich an Börsen (oder – in der Schweiz – auch über die SBB) besorgen kann, das deshalb, weil die Geldflüsse dadurch schwer nachvollziehbar sind.

Um die vorstehenden Informationen zu erlangen bedarf es wahrlich keines Buches. Und viel mehr steht in demselben nicht: Ein paar Fallbeispiele, Behörden, die nicht immer am letzten Stand sind und sich selbst durch bürokratische Zuständigkeitsstreitereien an effektiver Arbeit hindern (offenbar gibt es in der Schweiz – ähnlich wie in Österreich – ebenfalls einen ausgeprägten Föderalismus, der nicht anzuerkennen bereit ist, dass die Welt über das lokale Dorf oder Tal hinausreicht) und die wenig riskante Prognose, dass der Umfang illegaler Geschäfte in Zukunft zunehmen wird. Technische Details sucht man vergebens; so wird die häufig im Darknet propagierte VPN-Software (um zu verhindern, dass der ISP das Einloggen via Tor erkennt) nicht einmal erwähnt.

Und dass der wohl verhältnismäßig größte Umsatz mit Drogen (bzw. mit Pillen und Präparaten zur Leistungssteigerung – in Beruf, Sport und Privatbereich) erzielt wird, ist auch nicht weiter überraschend: Es gibt mehr Drogenkonsumenten als bekennende Pädophile oder Auftragskiller. Wer sich fürs erste Informationen über den Zugang zum Darknet besorgen will, sei hierher verwiesen, als Beispiel eine typische Darknet-Seite, die mit normalen Browsern (Endung onion) nicht aufgerufen werden kann (dass Market-places oder Shops häufig die Adressen wechseln oder nicht erreichbar sind, sollte niemanden überraschen: Man kann aber mit dem Dealer seines Herzens auch über Mailprogramme wie Sigaint (immer via Tor) persönlich in Kontakt treten). Eines aber braucht kein Mensch: Das hier besprochene Buch. Wer als Staatsanwalt aus diesem Elaborat noch etwas zu lernen vermag, sollte alle Fälle, die nur ganz entfernt mit dem Netz zu tun haben, sofort delegieren. Unnütze Geldverschwendung.


Otto Hostettler: Darknet. Die Schattenwelt des Internet. Zürich: NZZ-Libri 2017.

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