Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails

Halb Philosophiegeschichte, halb (Mehrfach-)Biografie, stellt Sarah Bakewells Buch das Entstehen und Vergehen der existenzialistischen Bewegung dar. Es fehlen auch romanhaft-reisserische Momente nicht, so, wenn zum Beispiel die Rettung (fast des ganzen) Nachlasses von Edmund Husserl durch die Universität Löwen geschildert wird. Im Zentrum der Darstellung stehen die französischen Existenzialisten, allen voran Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Auch Maurice Merleau-Ponty fehlt nicht, oder Albert Camus. Die Schilderung des deutschen Ablegers des Existenzialismus konzentriert sich auf Martin Heidegger, mit Seitenblicken auf Karl Jaspers und andere.

Immer wieder kehrendes Leitmotiv der Darstellung sind die Treffen in diversen Pariser Cafés von Sartre-Beauvoir und ihrer Clique. Bakewell erwähnt dabei zwar weiter zurück liegende Anstösse wie die von Kierkegaard oder Nietzsche, konzentriert sich aber bei der Vorgeschichte auf Edmund Husserl. Dessen Phänomenologie entstand in Auseinandersetzung mit René Descartes‘ „Ich denke, also bin ich“, dessen Vorgehen die Phänomenologie für genau verkehrt hielt: Zuerst waren die Dinge oder Sinneseindrücke (eben: die Phänomone), dann musste sich das Ich ihnen gegenüber positionieren und so erst erfährt es sich selber als sich selber. Husserls Phänomenologie schlug in der mitteleuropäischen Philosophie ein wie eine Bombe; eine Zeitlang war Freiburg i.Br., wo er lehrte,  ein weit herum gesuchtes Zentrum der Branche. Anfang der 1930er Jahre sprachen auch ein paar Freunde in einem Pariser Café über eben diese Phänomenologie: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Raymond Aron, der den beiden als erster die Kunde der neuen Denkart brachte. Sartre und Beauvoir beschlossen, sie sich selber anzusehen und anzueignen und gingen in der Folge nach Deutschland, allerdings nach Berlin und nicht nach Freiburg. Der deutsche und der französische Zweig des Existenzialismus waren nie in engerem persönlichen Kontakt. In Deutschland war es Martin Heidegger (von Husserl zuerst als sein Meisterschüler betrachtet, später fallen gelassen, als klar wurde, dass sich Heidegger zusehends von der Phänomenologie entfernte), der den existenzialistischen Standpunkt vertrat, dass der Mensch sich aus seiner Stellung zu dem definiere, was ihm zustosse oder -falle.

Obwohl Sartre und Beauvoir bei ihrem frühen Besuch in Berlin, wo Hitler gerade die Macht erhalten hatte, nicht oder nur ganz am Rande vom Nationalsozialismus berichteten, war es dann doch eben der, der den deutschen und den französischen Strang des Existenzialismus endgültig auseinander dividierte. Die französischen Existenzialisten verbrachten den Zweiten Weltkrieg meist in der Résistance; Heidegger diente sich den Nationalsozialisten an. (Und war auch später, nach Kriegsende, nie bereit, seine anbiedernden Worte zu widerrufen – was Sarah Bakewell bei all ihrer Faszination durch Heidegger unmissverständlich festhält. Der spätere Heidegger mit seinem Sprachgeraune fasziniert sie zwar, aber sie gibt selber zu, dass er – wenn überhaupt – eher der Kategorie ‚Dichtung‘ zuzuordnen ist.)

So haben wir durchgehend die Dichotomie zwischen den weltoffenen Pariser Existenzialisten, die in Cafés angeregt miteinander philosophiern, und dem provinziellen Heidegger, der alleine auf einem Berg vor sich hin raunt. Gerade nach dem Weltkrieg verschärfte sich der Unterschied noch: Die Pariser nahmen freudig erregt die Anregungen durch ihre Befreier an und widmeten sich in ihren Cafés nun der aus den USA importierten Musik, dem Jazz. (Von Bakewell habe ich übrigens gelernt, dass die ersten Existenzialisten, noch keineswegs schwarz gekleidet waren, sondern von den US-Amerikanern jene grob karierten sog. ‚Holzfällerhemden‘ übernahmen, bevor dann der schwarze Rollkragenpullover obsiegte. Ebenso habe ich von ihr erfahren, dass die schwarzen Jazz-Musiker, die nach Paris gekommen waren, sich dort einer viel grösseren Freiheit in Bezug auf ihr Verhalten erfreuten, als in ihrer New Yorker Heimat – Liebschaften mit weissen Frauen wären in den USA damals undenkbar gewesen.)

Am Schluss des Buchs, noch vor den Anmerkungen, steht eine Liste der Mitwirkenden, wie Bakewell in Anlehnung an Theaterstücke die am Existenzialismus irgendwie Beteiligten nennt. Neben den hier schon Angeführten treten u.a. noch auf: Franz Brentano (Husserls direkter Lehrer), Ernst Cassirer (der 1929 an einer Tagung in Davos mit Heidegger die Klingen kreuzte und dessen Bericht davon eine tragende Rolle in der Charakterisierung Heideggers spielt), Dostojewski (als Vorläufer des Existenzialimus), Gadamer (er studierte kurzzeitig bei Husserl und Heidegger in Freiburg und erzählte Anekdoten über beide); Hegel (dessen Dialektik die meisten Existenzialisten beeinflusste), Hölderlin (von Heidegger fleissig gelesen), Lévi-Strauss (mit Merleau-Ponty befreundet, aber ein Kritiker des Existenzialismus), Karl Löwith (ein Heidegger-Schüler), Lukács (ein weiterer Kritiker des Existenzialismus), Herbert Marcuse (Schüler Heideggers, später einer seiner schärfsten Kritiker) und viele andere mehr.

Populär-wissenschaftlich gemacht, liebt dieses Buch zweifellos die Anekdote. Dennoch werden die philosophischen Standpunkte der jeweiligen Protagonisten keineswegs verkürzt dargestellt. Das macht, dass auch jemand, der sich in philosophicis ein bisschen auskennt, das Buch mit Genuss lesen kann. Und so etwas ist selten.

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