Christoph Held: Bewohner

Wohl jeder und jede von uns sieht sich früher oder später mit dem Thema Altersdemenz konfrontiert. Wohl jeder und jede von uns hat im Bekannten-, Freundes- oder gar Familienkreis jemanden, der oder die im Alter dement geworden ist. Und wohl jeder und jede von uns stellt sich ab einem gewissen Alter die Frage, ob die Schwierigkeit, das richtige Wort für einen Sachverhalt oder den richtigen Namen für eine Person zu finden, vor allem, wenn das zum zweiten oder dritten Mal am selben Tag auftritt – ob diese Schwierigkeit also noch „normale (Alters-)Vergesslichkeit“ ist oder schon erstes Anzeichen von Alzheimer (unter diesem Begriff wird ja im Volksmund jede Form von Altersdemenz zusammen gefasst).

Christoph Held befasst sich beruflich mit Altersdemenz. Er ist Gerontopsychiater und noch bis Ende 2017 Heimarzt der Zürcher Alters- und Pflegeheime. Das vor ein paar Tagen im Dörlemann-Verlag erschienene Büchlein Bewohner mit seinen knapp 150 Seiten ist kein psychiatrisches Fachbuch, auch kein Fachbuch für Pfleger/innen und Hilfspfleger/innen an Altersheimen (Held hat beides auch geschrieben), sondern Bewohner umfasst sieben kurze Geschichten, sieben Vignetten, schildert sieben alte Menschen, die ihre letzten Tage oder Jahre in der geschlossenen Pflegeabteilung eines Altersheims verbringen: die ehemalige Schauspielerin (die noch Brecht kannte), die ehemalige Wirtin (die aus Italien zuwanderte und ihr Leben lang „krampfte“), den ehemaligen Top-Manager (der nach einem Hirnschlag und mehreren missglückten Operationen im Heim landete), der alte Drogenabhängige und Alkoholiker…

Sie alle werden von Held in ihrem Dasein im Heim geschildert. Held versucht, sich ihr Vorleben klar zu machen. Er sucht in jeder Biografie den Punkt, wo die Krankheit – von der erkrankten Person ebenso wie von der Umwelt unbemerkt – ausgebrochen ist. Er schildert den Alltag in diesen Pflegeabteilungen ungeschönt: die Probleme der Pflegenden mit sich selber und den Patienten, die Probleme der Angehörigen mit sich und ihrem Vater oder ihrer Mutter, die Problematik ‚renitenter‘ Bewohner, z.B. bei der Körperpflege, vor allem aber die Ängste der Bewohner. Denn, das macht Held klar: Demenz ist nicht sanftes Vergessen, sanftes Hinübergleiten in ein mehr oder minder vegetatives Dasein. Dinge nicht mehr erkennen und nicht mehr benennen zu können, macht Angst. Depression ist eine häufige Folgekrankheit der Demenz. Auch das Thema Selbstmord, bzw. Sterbehilfe, wird angesprochen; und Held erzählt, dass viele Personen, die bei wachem Bewusstsein einer Sterbehilfe zugestimmt haben, in ihrer Krankheit sich plötzlich weigern, das Rädchen zu drehen, welches das tödliche Gift in ihre Adern einlassen würde. Und dennoch begehen sehr viele Demente auf die eine oder andere Art Selbstmord – was wiederum die Pflegenden viel mehr belastet als deren natürlicher Tod.

Die sieben Heimbewohner des Büchleins hat es so nicht gegeben. Doch Helds Figuren sind keine leeren Schemata. Man hat bei der Lektüre jederzeit das Gefühl, man könnte diese Frau, diesen Mann gekannt haben. Und ganz nebenbei vermittelt einem der Autor sogar ein wenig gerontopsychiatrisches Fachwissen.

Eine inhaltlich wie formal äusserst empfehlenswerte Lektüre.

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