Wassilij Grossman: Leben und Schicksal

Grossman hat sein Manuskript – einigermaßen naiv – bei einer sowjetischen Literaturzeitschrift eingereicht. Und erfuhr später, nachdem seine Wohnung durchsucht und alle mit dem Roman in Zusammenhang stehenden Notizen und Schriften konfisziert worden waren, dass „Leben und Schicksal“ frühesten in 200 – 300 Jahren würde erscheinen können. Das nun wieder war von staatlicher Seite ebenso naiv gedacht: Aber Diktaturen definieren sich über die Ewigkeit, der stete Wechsel bleibt für deren Vertreter unvorstellbar und unbegreiflich.

So hat es dann doch nur etwas mehr als 20 Jahre gedauert, bis dieser Roman (in der UDSSR Gorbatschows) erscheinen durfte, nachdem er zuvor schon im Westen veröffentlicht worden war (Fotokopien des Werkes waren ins Ausland geschmuggelt worden). Trotzdem bleibt es einigermaßen rätselhaft, wie Grossman annehmen konnte, dass dieser Roman in der Sowjetunion Chrustschows würde erscheinen können. Denn seine Grundaussage besteht in einer vernichtenden Kritik des totalitären Staates, wobei Hitlers Deutschland und Stalins Russland auf die gleiche Stufe gestellt werden. Die Szenen in den polnischen Konzentrationslagern und im Gulag gleichen sich frappierend, in der Lubjanka wird brutaler gefoltert als in einem der deutschen Lager. Und die ideologischen Unterschiede werden mit Vorbedacht verwischt: So unterhält sich der deutsche Leiter eines Konzentrationslagers mit einem altgedienten Kommunisten über das Wesen des Rassen- bzw. Klassenstaates und stürzt diesen in Verzweiflung: Er kommt nicht umhin, die zahlreichen Parallelen zwischen den Ideologien zu erkennen, obschon er sich mit aller Kraft gegen diese Einsicht wehrt.

Der Roman ist breit angelegt (und umfangreich in klassisch russischer Manier), Dreh- und Angelpunkt ist die Schlacht von Stalingrad, die für den Autor sowohl den Sieg des russischen Volkes als auch dessen Untergang bedeutet: Weil dadurch das stalinistische System gestärkt, einzementiert wird. In zahlreichen Erzählsträngen wird das Schicksal der Familie Schaposchnikow geschildert: Ihre Mitglieder finden sich im KZ, im umkämpften Stalingrad, in den kommunistischen Lagern oder in Kasan (wohin die Universitäten Moskaus evakuiert wurden). Und ihre Schicksale sind unterschiedlich, immer aber geprägt von den totalitären Systemen. Dieses Panorama, das anfangs ein wenig verwirrend auf den Leser wirkt, ist aber gerade durch seine Vielschichtigkeit ungeheuer eindrucksvoll: Der Kämpfer an der Front sieht sich den gleichen staatlichen Machtstrukturen ausgeliefert wie der Universitätsprofessor im Hinterland, überall stehen sich Individuum und Staat gegenüber und immer ist es der einzelne, der diesen Kampf verliert. Heldenhaftes Verhalten wird durch intrigantes Denunziantentum in sein Gegenteil verkehrt, in keiner Situation ist man vor dem plötzlich hereinbrechenden Schicksal gefeit. Es trifft den überzeugten Kommunisten der ersten Stunde Krymow genauso wie den Panzerkorpskommandanten Nowikow, der durch seine Einsatz und seine Klugheit die Schlacht um Stalingrad mitentscheidet. Es trifft Spiridonow, den Leiter eines Elektrizitätswerkes, weil er ohne Befehl (und trotz größter Tapferkeit) seinen Platz verlässt oder Arbatschuk, der noch im russischen Lager seinen Sowjetstaat verteidigt.

Besonders eindrucksvoll ist die Beschreibung von Viktor Pawlowitsch Strum, einem Physikprofessor mit jüdischen Wurzeln, der nach einer großen theoretischen Entdeckung von Ansehen und Anerkennung träumt. Doch er gerät in eine antisemtisch gefärbte Intrige, wird von seinen Kollegen als des Idealismus verdächtig denunziert und versucht trotz all des auf ihn lastenden Drucks, sich den Forderungen seiner Vorgesetzten nicht zu beugen. Als sein Schicksal beschlossen scheint, erhält er völlig überraschend einen Anruf von Stalin, der ihm für seine Arbeit jedwede Unterstützung verspricht. Sofort ist alles völlig verändert: Man hofiert Strum als großen Denker, die Familie erhält Privilegien, er gilt als ausichtsreicher Anwärter auf den Stalinpreis. Noch benommen von dem Erfolg, verunsichert aber doch stolz auf die ihm verliehenen Ehren, lernt er alsbald wieder die Schattenseiten dieses Ruhmes kennen: Man lädt ihn ein, einen Brief zu unterschreiben, der offenkundig ungerechtfertigte Verhaftungen schönredet und der Führung im Ausland die Unterstützung seiner namhaften Wissenschaftler suggerieren soll. Und gibt ihm zu verstehen, dass eine solche Unterschrift von höchster Stelle gewünscht sei. Strum gibt sich dazu her und verzweifelt an sich selbst, an der Unmöglichkeit, in einem solchen Staat ein auch nur in Ansätzen moralisch integres Leben zu führen.

Der Roman ist einfach großartig, wunderbar komponiert und liefert eine mehr als beeindruckende Schilderung des Stalinismus, die ansonsten vielleicht nur bei Solschenizyn zu finden ist. Die Protagonisten bestechen durch ihr „Mensch-Sein“: Nirgendwo dümmliche Schwarz-Weiß-Malerei, sondern differenzierte Charaktere, in denen Abgründe und Ehrlichkeit eng verwoben sind. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Diktaturen: Sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite wird der Einzelne als bloßes Instrument zur Machterhaltung betrachtet, er wird – zufallsbedingt – geehrt oder verdammt. Im Nachwort spricht Efim Etkind von einem „Weltfaschismus“, dem er auch den Kommunismus zurechnet: Es sind kaum erkennbare Nuancen, in denen sich die Totalitarismen unterscheiden – und es ist gerade diese Ähnlichkeit, die Grossman in bestechender Manier herausarbeitet. Einer der besten und klügsten Romane, die über das kommunistische System geschrieben wurden: Getragen einzig von dem Wunsch, das Schicksal der Menschen in einem solchen Staat darzustellen. Pflichtlektüre!


Wassilij Grossman: Leben und Schicksal. München, Hamburg: Knaus 1985.

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