Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution

Dieses enzyklopädisch aufgebauten Buch sollte man nicht in einem Zug lesen (so auch der Hinweis des Autors), wie ich es allerdings trotzdem gemacht habe. Eigentlich ist es eher ein Nachschlagewerk für alle an der Evolutionären Erkenntnistheorie (EE) bzw. evolutionären Konzepten Interessierten.

Vollmer begibt sich auf die unterschiedlichsten Wissensgebiete, um ihre Eignung auf einen evolutionstheoretischen Ansatz zu überprüfen. Dabei ist es ihm um Evolution im Darwinschen Sinne zu tun, nicht um eine allgemeine Entwicklung (eine solche kann man für nahezu jeden Bereich konstatieren). Allerdings übertreibt er es nach meinem Dafürhalten ein wenig: In der Absicht, kein noch so abseitiges Wissensgebiet auszulassen, das sich irgendwann auf Darwin oder die Evolution berufen hat, wird man mit Kapiteln wie Evolutionäre Ernährungswissenschaft (das sind jene Einfaltspinseln, die sich der „Steinzeitdiät“ verschrieben haben), Evolutionäre Morphologie (der Themenbereich Homologie/Analogie gehört in in den Bereich der klassischen Evolutionstheorie) oder Evolutionäre Musik konfrontiert (hier fließen die Geschmacksurteile der Hörer in die Komposition ein: Also nichts anderes als differenziertere Hitparaden).

Davon abgesehen ist das Buch – wie bei Vollmer nicht anders zu erwarten – klug und verständlich geschrieben und bietet gerade für den gesamten naturwissenschaftlichen Bereich eine Fülle von von Anregungen, die meiner „to-read-Liste“ endgültig das Flair der Unendlichkeit verliehen hat. Der interessanteste, wenn auch für all jene, die mit Vollmers Büchern vertraut sind, nicht wirklich neue Teil, ist jener über die philosophischen Implikation der Evolutionstheorie (insbesondere das Kapitel über Ethik bzw. Moral kann positiv hervorgehoben werden: Ein eigenes Buch zu diesem Bereich wäre wünschenswert). Neben der Abteilung Philosophie (die mehr als ein Drittel des Gesamtumfangs beträgt) sind es die Kapitel über Anthropologie oder Soziobiologie (bzw. Biologie), die sich von dem allzu bunten Allerlei positiv abheben. Dabei ist auch hier wieder die Zersplitterung in (konstruiert erscheinende) Kapitel ein Manko: Biochemie, Biotechnologie, Medizin, Entwicklungsbiologie (Evo-Devo), Evolutionspsychologie u. v. m. hätten sich einen zusammenhängenden und dadurch sehr viel lesbareren Abschnitt verdient. Denn der enzyklopädische Ansatz scheint mir nicht gelungen: Selbst wenn man das Buch im Sinne des Autors liest und zwischen den einzelnen Verweisen hin und her springt, bleiben die Zusammenhänge durch diese künstlich anmutenden Unterteilungen nicht immer klar erkennbar.

Und so ist meine Kritik an diesem Buch eine an dem Konzept: Eine diese ganzen Bereiche integrierende Darstellung wäre für den Leser ungleich angenehmer. Allerdings – und das wird wohl mit ein Grund für die Entscheidung gewesen sein – wäre diese Form für den Autor mit sehr viel größere Mühe verbunden gewesen. So musste man sich nicht bemühen, Redundanzen zu vermeiden, darf auf die Psychologie die Rechtstheorie und die Religion folgen lassen (weil die alphabetische Ordnung so etwas zulässt) und braucht sich nicht um einen tieferen Zusammenhang zu bemühen. Trotzdem ist das Buch eine Empfehlung wert: Vollmer gehört zu den wenigen Philosophen, deren Sprache sich nicht in dunklen Wortwolken verliert, der eine fundierte naturwissenschaftliche Ausbildung besitzt und dieses sein Wissen auf beeindruckende Weise in die Philosophie integriert. Mir will es seltsam erscheinen, dass es angesichts der EE immer noch idealistische Philosophen (oder bekennende Dualisten) gibt, die – alle Wissenschaft ignorierend – mit Hingabe an ihren Wolkenkuckucksheimen (nebst metaphysischem Interieur) bauen.


Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution. Darwin in Wissenschaft und Philosophie. Stuttgart: Hirzel 2017.

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