Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens

Eine “Geschichte des Lesens” muss für jeden Bücherliebhaber anziehend wirken. Denn man hat die Gewissheit, dass da vieles erzählt wird, was man aus eigener Erfahrung zu kennen glaubt, dass ein solches Buch unzählige Anregungen zu vermitteln vermag und man von zahlreichen kulturhistorischen Anekdoten unterhalten wird.

Leider kann das Werk von Alberto Manguel diesen Anspruch nicht ganz erfüllen: Anekdotisches, Kulturhistorisches – natürlich, und auch das Wiedererkennen der eigenen Lesegewohnheiten (oder Büchernarreteien) bleibt nicht aus. Aber trotz der Gliederung in zwei Teile und zahlreiche Kapitel bleibt eine nachvollziehbare Struktur ein bloßer Wunsch. Unter die verschiedenen Überschriften wird kunterbunt subsumiert, was dem Autor gerade einfällt und nachträglich wirken die Namen der Kapitel konstruiert: “Die fehlende Seite”, “Der symbolische Leser” oder “Schatten lesen” leiten sich von einer im entsprechenden Abschnitt dargestellten Begebenheit her, sind aber sonst weitgehend sinnfrei.

Manguel war Vorleser bei Jorge Luis Borges, wovon aber nicht im Kapitel “Vorlesen” erzählt wird, sondern in der Einleitung (als eine Art Referenz, dass der Autor in Bezug auf das Lesen die entsprechende Kompetenz mitbringe). In weiterer Folge gibt es dann ein kultur-historisches “Name-dropping”: Von Aristoteles über Augustinus, Petrarca und Rabelais bis zu Keats, Whitman oder Proust reicht die Palette, einiges altbekannt, anderes (für mich) neu, immer aber in einer verwirrenden Vielfalt und Beliebigkeit, die mich zusehends verstörte. Manches auch trivial (“jedes Buch wartet auf seinen Leser”), an diese Aussage schließen sich dann Erörterungen über die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten von Literatur an, wobei der Autor das Enigmatische alles Schreibens betont. (Sein dazu angeführtes Beispiel, dass die Legende des Großinquisitors in den Brüdern Karamassow mit der Auslegung der Welt zu tun habe, mutet jedoch seltsam an: Hier ist sehr viel mehr vom fragwürdigen Begriff der Freiheit die Rede, von der Macht. Dinge, die in dieser Welt Bedeutung haben – aber in dieser Interpretation ist dann schließlich alles irgendwie Weltsicht.) Und manchmal fehlte mir auch Entscheidendes: Das Vorlesen der Autoren darf sicherlich ein Kapitel beanspruchen, dass aber in diesem Zusammenhang Karl Kraus mit keinem Wort erwähnt wird (und ich würde dem Autor nicht unterstellen, dass ihm dieser unbekannt ist), stellt sich als ein Manko dar, das irgendwie paradigmatisch ist: Es geht weniger um die lesenden Autoren, sondern vielmehr um das, was Manguel gerade mal präsent ist.

Das klingt nun vielleicht allzu kritisch und ist es wohl auch: Denn in großen Teilen habe ich gern in diesem Buch geschmökert und mir mit Vergnügen von den unterschiedlichen Arten des Lesens und Gelesenwerdens erzählen lassen. Ein klarerer Aufbau und eine verständlichere Strukturierung hätten allerdings notgetan: So ist es doch eine recht unzusammenhängende Anekdotensammlung.


Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Berlin: Volk und Welt 1998.

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