Walter Krämer: Die Angst der Woche

Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung sind nicht jedermanns Sache, sie haben mit Mathematik zu tun und werden schon deshalb scheel angesehen. Krämer meint sogar, ein „Innumeratentum“ in Deutschland feststellen zu können (das Buch behandelt fast ausschließlich die deutschen Verhältnisse, vieles aber lässt sich sicher auf andere westliche Länder übertragen, obschon der Autor darauf hinweist, dass die Panikmache in Deutschland (wie etwa nach dem Atomunfall in Fukushima) ganz besondere Ausmaße annimmt), eine rechnerische Unfähigkeit, die zu einer völlig unrealistischen Einschätzung von Risiken führt.

Grosso mode muss man den Ausführungen Krämers zustimmen: Die Angst des Homo sapiens ist eine vernünftige, weil überlebenswichtige Eigenschaft, sie ist aber – weil durch Emotionen bedingt – heute in vielen Belangen überholt. Das, was unseren Vorfahren möglicherweise das Leben gerettet hat (schnelles Reagieren beim Auftreten von Gefahr) müsste angesichts der heutigen Gefahren durch ein rationales Verfahren ersetzt werden. Angriffe durch Großkatzen sind in unseren Breiten selten geworden, sehr viel öfter ist man hingegen mit Statistiken konfrontiert und damit gezwungen, anhand des vorliegenden Zahlenmaterials eine Risikoabschätzung vorzunehmen. Doch das erwähnte Innumeratentum weiß solches zu verhindern – und eine solcher numerischer Analphabetismus ist gesellschaftlich anerkannt: Nicht wenige Politiker kokettieren mit ihrer mathematischen Unfähigkeit (während kaum jemand stolz darauf zu sein scheint, keine Fremdsprachen- oder Geschichtskenntnisse zu haben).

Zu diesen persönlichen Defiziten gesellt sich eine Medienlandschaft, die von „Skandalen“ lebt: Schildert Krämer noch die „Dioxin-Eier“ von 2010, haben wir mittlerweile die Fipronil-Eier. Und alle im Buch geschilderten lächerlichen Aufmacher haben sich wiederholt: Man formuliert im Konjunktiv (auf dieser Seite etwa: „Christian Meyer, der Landwirtschaftsminister Niedersachsens (Grüne) warnt allerdings, dass für Kinder – vor allem für Kleinkinder- ein Gesundheitsrisiko bestehen könnte. Hier könnte die Belastung für gesundheitliche Folgen möglicherweise ausreichen.“), weist irgendwo ganz weit unten im Text darauf hin, dass die Grenzwerte gar nicht überschritten worden sind („Nach der aktuellen Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sind bei einem normalen Verzehr keine gesundheitlichen Risiken für Erwachsene zu erwarten.“), sondern hofft mit griffigen Überschriften auf Leser („Eierskandal: So erkennen Sie die giftigen Eier!“). Und der besorgte Bundesbürger sieht sich bestätigt: Gift allüberall, vom chinesischen Babyschnuller bis zum pestizid-verseuchten Ruccola-Salat.

Gerade letzteres, die durch die unterschiedlichsten Mittelchen zwecks Schädlings- und Unkrautvernichtung belasteten Lebensmittel, haben es Krämer angetan. Er weist darauf hin, dass die natürliche Belastung durch diese Stoffe (die die Pflanzen zum eigenen Schutz entwickeln) um ein Vielfaches höher sind als alle „belasteten“ Lebensmittel und demonstriert anhand der dafür allseits bekannten Himbeere, dass eine solche für den Verzehr von einer Lebensmittelprüfstelle niemals zugelassen werden würde. Hier aber scheint er mir die Problematik ein wenig zu verkennen: Es geht dabei weniger um die Gefahr, nach Genuss verseuchter Knollen oder Rüben ins ebenso verseuchte Gras zu beißen, sondern um die Schädigungen für die gesamte Umwelt, für Kleintiere, Insekten etc. und damit für das gesamte ökologische Gleichgewicht. Dass die Befürchtungen übertrieben sind und auf völliger Unkenntnis über die allgemeine Schadstoffbelastung durch die Natur beruhen, bleibt nichtsdestoweniger richtig.

Ein zusätzliches Problem dieser Panikmache ist die damit verbundene Technikfeindlichkeit – ob es sich um Genforschung oder Atomkraftwerke handelt. Dass hier Gefahren abzuwägen sind, steht außer Frage: Das reflexartige Verteufeln nimmt allerdings dem Menschen die größte (und wohl einzige) Chance, mit solchen Schwierigkeiten fertig zu werden. Denn weder kann die Ernährung der 7,5 Milliarden Menschen ohne die entsprechenden landwirtschaftlichen Fortschritte gesichert, noch können die entstehenden Probleme durch archaische Angstreaktionen gelöst werden. Die Technologie als solche ist völlig wertfrei, sie ist sogar das wohl einzige Mittel, um der so gewachsenen Menschheit das Überleben zu garantieren (denn wer wollte bei Verzicht auf die Technologie entscheiden, welche der dann überschüssigen Milliarden nichts mehr zu essen bekommen). So handelt es sich hier keinesfalls um ein technisches, sondern vielmehr um ein politisches Problem: Und dieses sollten wir rational zu lösen versuchen und nicht mit unserem Bauchgefühl.

Krämer listet zahlreiche Dummheiten auf: Die meist auf ökonomischen Überlegungen basierenden Grenzwerte (etwa in Gesundheitsfragen), die irrationale Angst vor allem und jedem, das mit Chemie zu tun hat, die vermeintlich gesunden, weil „natürlichen“ Nahrungsmittel (durch die obskure Vorstellung bedingt, dass es in der Natur keine Gifte gäbe, sondern diese allesamt künstlich wären) bzw. unsere generelle Furcht, die offenbar sehr stark unserem hohen Lebensstandard geschuldet ist. Und er plädiert für intensiveren Mathematikunterricht, für ein Besinnen auf die Rationalität, die für unsere rezenten Probleme unabdingbar ist. Dazu gehört auch immer das Abwägen der Alternativen: So sind durch das weltweite DDT-Verbot nicht nur Menschleben gerettet, sondern wahrscheinlich Hundertausende mehr an Infektionskrankheiten gestorben, so hat die Flugangst der Amerikaner nach 9/11 durch den vermehrten Verkehr mehr Tote gefordert als die Anschläge selbst – und es bedarf einer Kosten-Nutzen-Analyse, die sich der wirklich gefährlichen Probleme annimmt und nicht geldvergeudend auf bürokratischen Anweisungen beharrt, deren Erfolg mehr als fragwürdig ist. Ob das alles spezifsch „deutsch“ ist (oder in Deutschland ausgeprägter als überall sonst), weiß ich nicht: Die heutige Wortmeldung von Felix Neureuther scheint dies aber in Teilen zu bestätigen. „Felix Neureuther zieht wegen der Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel einen Startverzicht bei den Olympischen Winterspielen in Betracht und kritisiert das IOC und den Deutschen Olympischen Sportbund für deren öffentliche Zurückhaltung deutlich. „Wahnsinn! Du musst doch einmal Stellung beziehen“, sagte Deutschlands bester Skirennläufer am Freitag im Zillertal. „Ich finde es extrem schade, (…) dass das Thema eigentlich ziemlich runtergespielt wird, als ob nix sei. Aber es ist ja eigentlich der Wahnsinn!““(auf orf.at) Ein Hochleistungssportler, der Angst hat, dass ihn das dicke nordkoreanische Kind mit einer Atombombe von der Slalompiste schießt? Ganz unrecht scheint Krämer mit seinem Verdacht des „Zu-Gut-Gehens“ nicht zu haben.


Walter Krämer: Die Angst der Woche. München: Piper 2011.

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