Henry Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier

Diese Gespräche wurden 1941/42 auf Wunsch der Nationalsozialisten stenographisch notiert und später ausgearbeitet, wobei man sich bemühte, relativ nah am Sprachduktus Hitlers zu bleiben. Sie umfassen militärische und politische Belange ebenso wie seine Ansichten über Kunst, Erziehung, die Frauenfrage oder über die ihn ständige umtreibende Problematik der „Rassenkunde“.

Ich bin wahrscheinlich nicht der erste, der auf den Kalauer von „Stammtischgesprächen“ verfällt: Mit keiner Bezeichnung sind diese Aufzeichnungen besser charakterisiert. Hier spricht ein Halbgebildeter, wie man ihn aus zahllosen Dorfgasthäusern kennt, der von den meisten Dingen gehört, vielleicht gelesen hat (er beschreibt seinen Umgang mit Büchern wie folgt: Zuerst lese er das Ende, dann einige Stellen aus der Mitte und anschließend entscheide er, ob sich eine genauere Lektüre lohne), aber im Grunde über kein einziges Gebiet tiefergehende Kenntnisse besitzt. Diese Halb- und Viertelbildung, die sich ihrer Bruchstückhaftigkeit nicht im mindesten bewusst ist (offensichtlich wollte oder getraute sich niemand, dem Führer zu widersprechen), neigt dazu, sich zu allem und jedem zu äußern, sich Fragen aus Kunst und Philosophie ebenso zuzuwenden wie technischen oder naturwissenschaftlichen Problemen. Daraus resultieren höchst abenteuerliche (und oft auch zum Lachen anregende) Theorien: Wenn er etwa von untergegangenen nordischen Kulturen spricht, deren Relikte man nur wegen der geringen Haltbarkeit von Eisen und Stahl noch nicht gefunden habe (im Gegensatz zu den Steinwerkzeugen) oder wenn er als Beweis für die Sinnhaftigkeit vegetarischer Ernährung das Pferd mit dem Hund vergleicht – jenes wäre aufgrund der pflanzlichen Stoffe sehr viel kräftiger und ausdauernder als der fleischfressende Hund.

Das alles zu lesen würde sich selbstverständlich nicht lohnen, wäre der Redner nicht mit einer so umfassenden Macht ausgestattet worden. Ich kannte in meiner Jugend ähnliche Typen, zumeist gescheiterte Existenzen, die kaum ernst genommen wurden und deren Zuhörer sich aus tumben Gasthausbesuchern und Alkoholikern zusammensetzten. Man schmunzelte über sie, ließ sie sonst gewähren und betrachtete sie als unterhaltende Kuriosa. Die dabei zutage tretende Ähnlichkeit ist tatsächlich frappant: Das am stärksten strapazierte Thema ist die Politik, wobei eine Haupteigenschaft dieser Redner vor allem darin besteht, das es kein noch so abgelegenes Wissensgebiet gibt, über das die Betreffenden nicht eine dezidierte Meinung vertreten würden (ich kann mich an Vorträge erinnern, die vom Handballspiel über Schopenhauer und die Imkerei bis zu Verbrennungsmotoren und die Quantenphysik reichten).

Dabei bleibt es einigermaßen rätselhaft, worin die Faszination Hitlers bestanden haben mag. Natürlich – gesprochene Rede ist nicht gleich der schriftlichen Abfassung: Aber die vertretenen Ansichten (von seiner Besessenheit alles Jüdische, Rassische betreffend einmal abgesehen) sind derart dumm und hanebüchen, das sie auch bescheideneren Geistern hätten bewusst werden müssen. Und wenn es auch teilweise schlicht die Angst gewesen sein dürfte, die jeden Widerspruch erstickte, so scheint es eine prinzipielle Bereitschaft gegeben zu haben, jede über die Lippen des Führers kommende Rede als die letzte Weisheit zu betrachten (das geht aus Anmerkungen hervor, wenn Bormann Picker auf besonders „bedeutenden“ Äußerungen hinwies und die Wichtigkeit der richtigen Transkription).*

Es ist ein beeindruckendes Dokument der Einfalt und Dummheit und der Tatsache, was die zur Macht gekommene geistige Mittelmäßigkeit anzurichten vermag. Im übrigen zeigt sich anhand dieses Buches auch das Lächerliche und Willkürliche des Verbotes von Hitlers „Mein Kampf“: In diesen „Tischgesprächen“ werden dieselben Ansichten in derselben schlechten Prosa vertreten wie in dem erwähnten Machwerk. Man hätte – Konsequenz vorausgesetzt – also Pickers Buch ebenfalls verbieten müssen (das Buch ist weitgehend unkommentiert, auf die Fragwürdigkeit von Hitlers Ansichten (z. B. in historischer Hinsicht) wird nur auf der letzten Seite hingewiesen), was denn ein gleichfalls sinnloses Unternehmen gewesen wäre. Im Gegenteil: Wer von Hitlers mehr als bescheidenen Geistesgaben nicht schon längst überzeugt ist (von moralisch-ethischen Defiziten einmal abgesehen), hat mit diesem Buch den Beleg dafür in der Hand.


*) Ein wenig an Kim Jong-un erinnernd, von dem die Rede geht, dass er ob seines Arbeitseifers keinen Stuhlgang mehr hätte, weil er alle Nahrung sofort in Energie umsetzt. Und die Nordkoreaner tun gut daran, sich über die Obstipationen ihres erlauchten Führers nicht zu amüsieren.


Henry Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier. Bonn: Athenäum 1951.

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