Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte

Die Zauberflöte gehört zu den wenigen Opern, bei denen auch schon der Text immer wieder Anlass zu Interpretationen geboten hat. Das liegt daran, dass Emanuel Schikaneders Libretto so ziemlich alles bedient, was einer Interpretation würdig sein kann. Es behandelt den Zusammenprall von Kulturen, von Gut und Böse, Mann und Frau, Jung und Alt, (Schwieger-)Mutter und (Stief-)Sohn etc. Selbst Goethe fühlte sich angestachelt, eine Fortsetzung der Zauberflöte zu schreiben, in der er die weiteren Geschicke von Pamina und Tamino, und vor allem von deren Kind, beschreibt. Diese Fortsetzung wurde nie ganz fertig; vieles davon ist in Faust II geflossen, der ja sehr viel Opern-haftes an sich hat. Vor allem der Helena-Akt und das Kind von Helena und Faust, Euphorion, wurzeln in Goethes Beschäftigung mit der Zauberflöte.

Der Inhalt der Zauberflöte ist bekannt. Deren unzählige Interpretationen wohl auch. Der Kampf des freimaurerisch organisierten Vereins licht-suchender und licht-bringender Priester um Sarastro im Kampf mit der Nacht und ihrer Königin. Und während zu Beginn diese Königin und ihre Dienerinnen, die drei Damen, noch positiv dargestellt sind, erhalten sie im Laufe der Geschichte etwas Dämonisches. Gerade in diesen Wandel ist sehr viel hinein interpretiert worden; ich bin bis heute ziemlich sicher, dass der Bruch im Charakter der Königin der Nacht ganz einfach der Tatsache entspringt, dass Schikaneder beim Schreiben seines Plots schludrig zur Sache ging. Jedenfalls ist in der Handlung selber kein Grund zu sehen, warum die Königin charakterlich so plötzlich kippt.

Anlass dieser Zeilen ist mein gestriger Besuch einer Aufführung der Zauberflöte am Opernhaus in Zürich. Man war heuer etwas zurückhaltender, was die Inszenierung betrifft. Zwar wurde auf eine ganz ‚realistische‘ Umsetzung verzichtet: Das Bühnenbild bestand hauptsächlich aus einer sehr abstrakt gehaltenen vierseitigen Fassade eines zweistöckigen Hauses, in dem und um das herum (Drehbühne!) die Handlung stattfand. Während die Königin der Nacht und ihr Gefolge pompös barock gekleidet daher kamen, waren die Herren um Sarastro nüchterner – mehr oder weniger in heutige Alltagskleidung gesteckt. Der zwischen den beiden Polen pendelnde Tamino entsprechend gemischt angezogen mit dezent angedeutetem Barock-Rock. Das hat selbstverständlich System, ist es doch der Regisseurin, Tatjana Gürbaca, wichtig, in ihrer Zauberflöte den Zusammenprall der Geschlechter in den Vordergrund zu stellen: Hie das chaotisch-naturhaft Weibliche, dort das geordnet-zivilisierte Männliche. Damit bedient sie zwar alte Klischées, kann aber so das Rätsel erklären, warum mit Pamina am Ende eine Frau mit in den erlauchten Männerbund um Sarastro eindringt – die Union von Mann und Frau als den eigentlichen Weg zur Erleuchtung des Menschen.

Das Orchester unter Karina Cannelakis spielte präzise und spritzig. Die Königin der Nacht litt ein wenig unter dem Schicksal so vieler Koloratursoprane: Die hohen Töne kamen zwar, kamen auch richtig, aber – vor allem bei der ersten Arie – etwas dünn und blechern. Sarastro hörte man es immer wieder an, dass er keineswegs mit der deutschen Sprache aufgewachsen ist. Tamino war in Ordnung, Pamina sogar erstklassig. Publikumsliebling war – neben den drei Knaben der Zürcher Sängerknaben – natürlich Papageno, nicht nur mit seinem Gesang, sondern auch mit seinen komödiantischen Einlagen, die wie ex tempore wirkten und (so, wenn er auf Taminos Aufforderung „Sei ein Mann!“ antwortete, dass er kein Mann sein wolle und mit einer Travestie auf alle gender- und beziehungsspezifischen Ausdrücke, die sich das 21. Jahrhundert und Facebook so angewöhnt haben, fortfuhr) ebenso aktuelle Bezüge herstellten, wie des Monostatos Reden, wenn er Tamina verführen will und er dafür links-marxistische Parolen travestiert. Alles in allem ein durchaus befriedigender Opernbesuch.


Musikalische Leitung Karina Canellakis Inszenierung Tatjana Gürbaca Bühnenbild Klaus Grünberg Kostüme Silke Willrett Lichtgestaltung und Video Klaus Grünberg Choreographische Mitarbeit Kinsun Chan Choreinstudierung Ernst Raffelsberger Dramaturgie Claus Spahn


Tamino Stanislas de Barbeyrac
Sarastro Wenwei Zhang
Pamina Ying Fang
Königin der Nacht Sen Guo
Papageno Ruben Drole
Papagena Florie Valiquette
1. Dame Hamida Kristoffersen
2. Dame Gemma Ni Bhriain
3. Dame Judith Schmid
Monostatos Michael Laurenz
Sprecher / 2. Priester Oliver Widmer
1. Priester Thobela Ntshanyana
1. Geharnischter Jamez McCorkle
2. Geharnischter Donald Thomson
Drei Knaben Zürcher Sängerknaben
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

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