Gottfried August Bürger: Briefwechsel. Band II: 1777 – 1779

Armer Bürger!

Da hatte er eine, wie er dachte, blendende Idee. Nachdem sein Freund Voss sich vor ein paar Jahren mit Dieterich in Göttingen, dem Verleger des nach dieser Stadt benannten Musenalmanachs, überworfen und einen eigenen Musenalmanach auf die Beine gestellt hatte, hatte ein anderer Freund Bürgers, Goeckingk, die Redaktion des Göttinger Musenalmanachs übernommen. Anders als Goeckingk, der wie Bürger beamtet war, hatte Voss keinen Job – und er hatte gerade geheiratet, nur auf die Einnahmen seines Musenalmanachs hin. Bürgers Idee war es nun (und seine diesbezüglichen Beteuerungen seinem Freund Boie gegenüber klingen durchaus ehrlich), dass, wenn Goeckingk die Redaktion des Göttinger Musenalmanachs aufgäbe, sich die beiden Alamnache vereinigen könnten, es also mehr Publikum und mehr Einnahmen für Voss gäbe. Gesagt, getan: Goeckingk war überredet, Voss in gespannter Erwartung seiner Mehreinnahmen. Leider hatten unsere drei naiven Autoren die Rechnung ohne den Verleger Dieterich gemacht. Der war keineswegs gewillt, seinen Almanach sterben zu lassen, nur weil ihn der Herausgeber im Stich gelassen hatte. Er suchte einen neuen Herausgeber und fragte bei – Bürger. Nun war der in der Zwickmühle. Einerseits konnte er die zusätzlichen Einnahmen sehr gut brauchen (seine Amtmansstelle warf wenig genug ab), andererseits sah er sehr genau voraus, was die Konsequenzen sein würden, nämlich riesiger Krach unter den drei Freunden. Er beriet sich brieflich mit Boie darüber, der ihm von einer Übernahme der Stelle abriet, wohl nicht ganz uneigennützig, war doch Vossens Frau seine Schwester. Bürger übernahm die Stelle dennoch, und das Resultat war diesmal das vorhergesehene: Voss verkrachte sich ganz mit ihm und brach den Briefwechsel ab. (Er drohte sogar Boie, der die Freundschaft mit Bürger weiterhin aufrecht erhielt, damit, aber Boie war ein diplomatischer Mensch und verstand es, die Wogen zu glätten.) Auch die Beziehung zwischen Bürger und Goeckingk war lange Zeit recht kühl; aber noch im Zeitraum, der durch den vorliegenden zweiten Band von Bürgers Briefwechsel abgedeckt wird, stellte sich die alte Herzlichkeit wieder her.

Armer Bürger!

Das mochte auch der Tatsache geschuldet sein, dass beide am selben persönlichen Problem laborierten.Beide waren verheiratet, aber nicht (mehr) in ihre Frau verliebt, sondern in deren jeweilige Schwester. Es war in der Epoche dieses Bandes, dass Bürgers Frau von diesem Verhältnis erfuhr. Im Anhang haben die Herausgeber Wargenau und Joost ein paar Briefe eingefügt, sog. Familienbriefe, in denen sich Dorothea gegenüber Verwandten darüber auslässt. Noch hofft sie, es sei nicht zum Schändlichsten gekommen; diese Illusion wird ihr erst später genommen werden. Aber Bürgers Privatleben war nun wohl die sprichwörtliche Hölle. Immerhin wohnte zu der Zeit seine geliebte Schwägerin bei ihm und seiner Frau, ihrer Schwester.

Armer Bürger!

Das wiederum war dem Umstand geschuldet, dass Bürgers Schwiegervater verstorben war und die Familie nichts erbte ausser einem grossen Chaos in seinen finanziellen Verhältnissen. Bürger fühlte sich verpflichtet, die Stelle eines Familienoberhauptes zu ersetzen und die z.T. noch minderjährigen Brüder seiner Frau zu versorgen. (Was ihm im Grossen und Ganzen nicht übel gelang.) Die Übernahme der Vormundschaft war allerdings mit Problemen verbunden; verlangte doch der Staat dafür eine finanzielle Bürgschaft, die Bürger nur unter Schwierigkeiten leisten konnte. Zwar besass er von seiner Mutter her Land, aber dieses lag in Preussen und damit im Ausland. Zudem war Bürgers Ruf als Amtmann ramponiert. Obwohl man es ihm nie nachweisen konnte, galt er als nachlässig und chaotisch – grosse Untugenden für einen Beamten.


So schwankte Bürger in den Jahren 1777 bis 1779 hin und her. Pläne, woanders eine (besser bezahlte) Stellung zu finden, zerschlugen sich allesamt. Mehr und mehr wurde er finanziell von seinem Verleger Dieterich abhängig. (Der auch mehr und mehr zu seinem Freund wurde, in den hier abgedeckten Jahren zum drittwichtigsten Korrespondenz-Partner Bürgers aufstieg, hinter Boie und Goeckingk – und er wäre wohl noch wichtiger, hätte man auch Briefe von Dieterich, nicht nur welche an ihn. Aber Bürgers Nachlass, der sie hätte enthalten können, ist verschollen.)

Auch in seinen literarischen Plänen schwankt Bürger hin und her. Die vor einiger Zeit begonnene Übersetzung des Homer in Jamben bleibt stecken. Auch wenn es Bürger erst spät vor sich und Boie wahr haben will: Stolberg hat ihm das Wasser abgegraben und den Elan abgekauft. Er übersetzt Szenen aus Shakespeare neu; aber auch da bleiben Pläne, ein ganzes Stück zu übersetzen, vage und werden nicht ernsthaft weiter verfolgt. Dafür tritt mit Ossian ein weiterer zu übersetzende Autor auf das Spielfeld; aber auch diese Übersetzung wird Bürger nie beenden. Boie lässt ihm erste Fragmente jenes Herder’schen Werks zukommen, das später als Stimmen der Völker in Liedern berühmt werden sollte. Bürger ist begeistert. Mit Goethe werden ein, zwei Briefe gewechselt. Bürger deutet einen Besuch in Weimar an. Der wird aber erst viel später zu Stande kommen, zu einer Zeit, als sich die beiden schon nichts mehr zu sagen hatten. Schade, denn wenn ein Treffen noch in diesen Jahren stattgefunden hätte, als Bürger noch auf Augenhöhe mit Goethe stand – welch interessante Gespräche hätten sich ergeben können. Noch war Göttingen (und Bürger lebte in der Nähe von Göttingen) nämlich die intellektuelle Hauptstadt Deutschlands, Weimar nur ein Kaff unter vielen. À propos Göttingen: Neben Dieterich waren da noch andere Grössen, mit denen Bürger in mehr oder weniger freundschaftlichem Kontakt stand. Allen voran Lichtenberg, den er bei Dieterich das eine oder andere Mal besucht. (Es wird eine gemeinsam herausgegebene Zeitschrift diskutiert; aber das Projekt bleibt im Diskussionsstadium stecken.) Mit Lichtenbergs Amtskollegen Kästner hingegen korresponiert Bürger über kleine, in Zeitschriften publizierte Briefgedichte.

Wenn es nicht um private Nöte und Sorgen ging, waren die Themen in Bürgers Briefen vor allem Lessings öffentlich geführte Auseinandersetzung mit Göze. Bürger verlangt von Dieterich alle bisher von Lessing diesbezüglich veröffentlichten Schriften. Daneben geistern auch die beiden Forster durch die Freundesbriefe: Das heisst, eigentlich nur Georg, der Deutschland abklapperte, um Stellungen für sich und seinen Vater zu finden (der wegen übergrosser Schulden in England zurückgehalten wurde). Zu Bürgers Korrespondenzpartner gehört auch Bertuch, auf dessen Ausgabe der Hans Sachs’schen Werke sich Bürger freut. (Sie sollte nicht zu Stande kommen – so wenig, wie die von Boie geplante Ausgabe der Werke des verstorbenen Freundes Hölty.)


Wie schon Band I eine sorgfältig und informativ erstellte Ausgabe. Pflichtlektüre für jeden, der das intellektuelle Gewimmel im Deutschland des Sturm und Drang kennen lernen will. Eigentlich sollte Bürgers Briefwechsel mit demjenigen Lichtenbergs und dem Briefwechsel zwischen Boje und Luise Justine Mejer (auf beide wird immer wieder verwiesen) gelesen werden.

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